WWA #1: Zucker fürs Auge

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Es gibt Weine, deren Etikett möchte man am liebsten mittrinken. Oder tätowiert haben. Oder zumindest auf dem T-Shirt vor sich hertragen. Etwa der Bone Dry Riesling von Reichsrat von Buhl in Deidesheim, Pfalz, oder der Blanc de Blanc Extra Brut NV der Lightfoot & Wolfville Winery in Nova Scotia, Ostkanada. Guck sie Dir an…

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…hier das Totenschädel-Mosaik aus Elementen, die den knochentrockenen Charakter des Rieslings betonen. Dort die kunstvollen Ornamente, gepaart mit einer stylischen Schrift. Hier wie dort: Swagger bis zum Abwinken, ein Traum in Schwarz, Rot Weiss, Gold. Zucker fürs Auge!

Sie sehen aus wie zweieiige Zwillinge. Gezeugt wurden sie jedoch 5300 Kilometer voneinander entfernt. Für mich sind sie «bottle brothers from another mother». Der Riesling entstammt der alten Welt, gekeltert in einem 150 Jahre alten Familienweingut. Der Sparkling kommt von einer Winery – noch keine 10 Jahre alt – aus dem Annapolis Valley in Nova Scotia, eine Cool-Climate-Region, in der erst seit Mitte der 90er-Jahre ernsthaft Wein gekeltert wird (ein ausführlicher Artikel dazu folgt) – Neue Neue Welt sozusagen. Insbesondere für Spitzen-Schaumweine (sowie Rieslinge) sollte man die Gegend im Auge behalten. Nicht nur wegen schöner Etiketten – auch der Flascheninhalt lässt die Zunge schnalzen. Und darauf kommt’s ja schliesslich an.

Reichsrat von Buhl – Bone Dry Riesling 2016
Deidesheim, Pfalz, Deutschland, 12 Vol.-%
Schon beim Knochen-Knacken des Drehverschlusses springt dem Verkoster eine frische Zitrusfrucht ins Gesicht – dort beisst sie sich fest, bis sich auch die letzten Aromen in der Kehle langsam verflüchtigt haben. Im Glas strahlendes Strohgelb und, ja, weiterhin eine intensive, klare Frucht von Zitronenzeste über Zitronengras bis zu Limetten-Anklängen. 50 Shades of Lemon. Doch der Bone Dry hat noch mehr zu bieten – Minze zum Beispiel. Oder Granny Smith. Oder frischer, knackiger Pfirsich. Im Auftakt spritzig mit einer weiterhin angenehm rassigen Zitrusnote. Dahinter eine frische Kräuterwürzigkeit, die sich bin in den Abgang hinzieht. Ein unglaublich animierender Riesling mit besorgniserregendem Trinkzug.

Lightfoot & Wolfville – Blanc de Blanc Extra Brut NV
Wolfville, Annapolis Valley, Nova Scotia, Canada, 12 Vol.-%
Ein reinsortiger Chardonnay. Elegant, frisch und zitrisch – Pink Grapefruit zum Beispiel, daneben Stachelbeere, Granny Smith, Birne und eine schöne feine Hefenote, die vom Ausbau nach traditioneller Flaschengärmethode mit Hefelagerung zeugt (die Top-Sparklings in Nova Scotia werden nach méthode traditionelle hergestellt). Feine Mousseux, herb-knackig, aber auch weich und vollmundig, erinnert an saure Zungen und Tiki-Stängel ohne dabei kitschig zu wirken. Qietschlebendig und – ja, auch er – knochentrocken, ein schöner Mix aus moderner Stilistik und traditioneller Herstellung (gleiche Methode, Traubensorte und – fast – auch Breitengrad wie in der Champagne).

Zum Abgang zurück zum Label: Die Etiketten von Lightfoot & Wolfville wurden vom US-Designer Chad Michael gestaltet – allesamt eine Augenweide. Für die kürzlich mit einem Red Dot Design Award ausgezeichnete BoneDry-Serie ist die Berliner Agentur Eat, Sleep + Design verantwortlich.

PS: Das Skull-Label des Bone Dry Riesling gibt’s tatsächlich als T-Shirt.

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Weinhandel und Social Media: 3 Basis-Tipps und 1 Präsentation

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Kann ich als Weinhändler meine Social-Media-Kanäle lediglich zu Büroöffnungszeiten bedienen? Soll der Boss jedes Posting persönlich abnicken? Nun, möglich ist alles. Aber ist es auch sinnvoll?

Um Fragen wie die obenstehenden drehte sich vergangene Woche die Diskussion, die angeregt durch mein Referat «Einsatz und Nutzen von Social Media» entstanden ist. Anlass waren die Fachtagungen «Weinhandel & Digitalisierung» der Vereinigung Schweizer Weinhändler (VSW) in Zürich sowie Lausanne.

Für alle Interessierten gibt’s hier meine Präsentation auf Deutsch (D/F):

In meinem Referat ging es darum, interessierten Weinhändlern die Chancen aufzuzeigen, die sich ihnen durch den Einsatz sozialer Medien bieten. Dabei ging geht weniger um die richtige oder falsche Nutzung (sofern man das überhaupt so werten kann), sondern vor allem darum, DASS diese Chancen überhaupt wahrgenommen werden.

Wenn man alle praktischen Tipps, Strategien und technischen Finessen auf drei einfache Punkte herunterbricht, landet man bei diesen drei einfachen aber umso wichtigeren Punkten – auch als Erinnerung an mich selber:

  • Sei sichtbar…
  • Sei kreativ…
  • Dranbleiben!

Während sich die einen Taguns-Teilnehmer also Sorgen machten, dass sie Instagram-Beiträge am Feierabend verfassen müssen, zeigte ein anderer, dass es auch anders geht: Ein junger Weinhändler aus dem Kanton Bern schilderte, wie er seine Kunden quasi in Echtzeit via WhatsApp berät…rund um die Uhr. Die Funktion ist sogar als Button «WhatsApp-Chat Kundenservice» auf der Händler-Website eingebunden – und sie soll rege genutzt werden.

Inselweine aus Korsika – charmante Eigenbrötler

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Inselwein soll Wein von der Insel sein – wild, würzig, eigenständig. Nachdem Korsikas Weinwelt ins Wanken geraten ist, erlebendie einheimischen Sorten eine zweite Renaissance. Willkommen auf einer Reise zurück in die Zukunft.

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(Voilà la version française)

Es ist, als wollten die Reben die Wellen küssen. Nur wenige korsische Weinberge kommen dem Meer so nah wie die der Domaine Pieretti am Cap Corse. «Dieses Terroir ist einzigartig! Die Weine werden immer besser, und die Leute interessieren sich dafür», sagt Alain Venturi. Mit dem Interesse steigt auch die Anbaufläche. Zu den grössten Herausforderungen gehören hier – wie fast überall auf der Insel – Trockenheit, Wind und Wildschweine. Viele Rebberge sind umgeben von Macchia-Buschwald und Wildschutzzäunen. Mit fünf Kellereien und 30 Hektar Rebfläche ist Korsikas nördlichste Appellation die kleinste. Auf den felsigen Ton- und Schieferböden der Domaine Pieretti wachsen die einheimischen Sorten Niellucciu, Muscat à Petits Grains, Vermentinu und Alicante (Grenache). Bekannt ist die Domaine für ihre weisse Cuvée Marine, einen vibrierenden Vermentinu mit frischer Frucht, feiner Würze und salzigem Abgang.

Zusammen mit seiner Frau bewirtschaftet Alain Venturi die elf Hektar umfassende Domaine Pieretti in fünfter Generation. Lina Venturi-Pieretti hat das Weingut 1989 vom Vater übernommen und seither behutsam modernisiert. Die Mariage von Tradition und Moderne ist der Schlüssel zu Erfolg und Eigenständigkeit des korsischen Weins. Das mag abgedroschen klingen, doch die heutige Dominanz lokaler Sorten ist nicht selbstverständlich. In den 60er-Jahren geriet die traditionelle Weinproduktion arg ins Wanken. Tausende sogenannte «pieds noirs» siedelten nach der Revolution in Algerien und der Loslösung von Frankreich nach Korsika über. Mit im Gepäck: ertragreiche Rebsorten für Massenweinbau. In kurzer Zeit vervierfachte sich die Rebfläche auf 31’000 Hektar. Erst in den 80er-Jahren wurde die Weinschwemme durch Rodungen und EU-Fördermittel wieder eingedämmt.

Wein und Rockmusik

Es folgte eine erste Rückbesinnung auf einheimische Sorten – allen voran Sciaccarellu und Niellucciu, in Italien als Sangiovese bekannt, sowie die weisse Varietät Vermentinu. Unterstützt wurde die Renaissance durch die Einführung neuer Herkunftsbezeichnungen, darunter neun Appellations d’Origine Protégée (AOP), und durch Winzer wie Lina Venturi-Pieretti. Heute ist sie Vizepräsidentin der Winzervereinigung UVA Corse und Präsidentin des Weinfestivals «Fiera di U Vinu». Dieses lockt im Juli jeweils Dutzende Winzer und Hunderte Weinliebhaber ins historische Zentrum von Luri.

Es gibt keine bessere Gelegenheit als das «Fiera di U Vinu», um Korsikas Weine und Winzer kennenzulernen: Ein Weinfest mit kulinarischen Spezialitäten, Folklore und Rockmusik. Hier treffen wir auf die junge Winzerin Marie-Françoise «Mlle D» Devichi. Dass sie uns als Erstes ihren Winzerkollegen Simon Giacometti vorstellt, ist sinnbildlich für die neue Winzergeneration: Man schätzt, inspiriert und unterstützt sich gegenseitig. «Wir sind jung, zahlreich – und wir wollen gemeinsam vorwärtskommen», erklärt Devichi.

Als wir sie am folgenden Tag im Herzen der Appellation Patrimonio besuchen, sind wir doppelt baff. Erstens von der atemberaubenden Aussicht bei der halbstündigen Überfahrt von der Ost- zur Westküste – auf dem Gipfel überblickt man innerhalb weniger Meter zuerst die eine, dann die andere Inselflanke. Zweitens von der Dichte an Spitzenwinzern, die sich hier wie Perlen an einer Kette aneinanderreihen. Mit 423 Hektar Rebfläche und 35 Kellereien ist Patrimonio Korsikas grösste Weinregion. Hier wurde 1968 die erste AOP ins Leben gerufen – der Anfang der Qualitätsrevolution.

Das jüngste Kind der Revolution

Eines der jüngsten Kinder dieser Revolution ist Devichi. Sie betreibt das Weingut in sechster Generation und hat nach einer Dekade Unterbrechung wieder damit begonnen, Weine unter dem Familiennamen abzufüllen. Das Medizinstudium in Marseille hat sie sausen lassen. «Seit ich den Betrieb 2012 endgültig übernommen habe, konnte ich unsere Rebfläche auf 40 Hektar verdoppeln.» Daneben hat sie dank geschicktem Einsatz von Social-Media-Plattformen wie Facebook dafür gesorgt, dass der Name Devichi wieder mit Spitzenwein in Verbindung gebracht wird.

Wer von Bastia nach Saint-Florent fährt und ein Weingut besichtigen möchte, landet als Allererstes bei ihr in Barbaggio. Um ihre Reben besuchen zu können, geht es durch das Städtchen Patrimonio hinunter ins Tal. Anders als am Cap Corse mit seiner felsigen Küste schmiegen sich hier die Weinberge sanft an die Hügelketten. In Mitten ihrer Weinberge schlummert zwischen Eukalyptusbäumen ein verlassenes Landgut, das die Fantasie beflügelt. Hier möchte Devichi eines Tages ihren Wein keltern. Die Chancen stehen gar nicht so schlecht. Auch, weil Wein aus Korsika derzeit im Ausland beliebt ist. «Diese Welle müssen wir reiten», sagt Devichi entschlossen.

Wein aus der Wüste im wilden Westen

Vor der Weiterreise empfehlen wir eine kleine Erfrischung im «Libertalia Bistro Tropical» in Patrimonio, eine von Gemüsegärten umgebene Freiluft-Bar mit Hippie-Flair und einem selber gebrauten, mehrfach preisgekrönten Bio-Bier namens Ribella. Wer lieber Wein in elegantem Ambiente geniesst, wird wenige Kilometer weiter im Küstenstädtchen Saint-Florent fündig. Direkt an der Hafenpromenade wird im Michelin-Restaurant «La Gaffe» die wohl beste korsische Weinauswahl der Insel geboten. Gastgeber und Sommelier Christophe Chiorboli könnte problemlos als Weinbotschafter von Korsika um die Welt geschickt werden – seine Begeisterung für die heimischen Kreszenzen schlägt sich in einer armdicken Weinkarte nieder. Und in einem Keller, in dem Jahrzehnte alte korsische Weinraritäten lagern.

Von Saint Florent aus führt die Reise weiter in Richtung Westen. Ein dreckiges dutzend Kilometer in den staubigen und heissen wilden Westen. Die Désert des Agriates ist geprägt von Hitze, Wind und kargen Felsen. Mitten im Niemandsland: ein Weingut mit Weiher, umgeben von Reben. Es ist die Oase von Simon Giacometti, den uns Devichi vorgestellt hat. «Wir haben vor allem unter den Jungen einen sehr guten Zusammenhalt», schildert Giacometti. Der 27-Jährige bewirtschaftet mit Vater Christian und Schwester Sarah 29 Hektar am Fuss des Monte Genova.

Hinter einer Dunstwolke ist der Golf von Saint Florent auszumachen. Während die Rotweine in Patrimonio gewöhnlich auf schwereren Ton- und Kalkböden gedeihen, wachsen sie hier auf durchlässigen Granitböden. Kalk gibt Kraft, Granit sorgt für Finesse – deshalb sind Giacomettis Weine aus dem wilden Westen feiner strukturiert als ihre Brüder aus den Hügeln hinter Saint-Florent. Die Blätter von Giacomettis Pflanzen sind überzogen von einem feinen weissen Film. Der Kalk fehlt hier zwar im Boden, ausgebracht in den Reben dient er aber als natürlicher Insektenschutz. Wie die meisten Patrimonio-Winzer arbeitet Giacometti biologisch.

Im gebirgigen Herzen der Insel

Es geht weiter in Richtung Süden nach Ponte Leccia, wo sich am Fuss der über 2500 Meter hohen Bergkette, die Korsika wie ein Rückgrat durchzieht, die einzige grosse Domaine im Zentrum der Insel befindet. Es sind zwei Weingüter in einem: Die Domaine Vico produziert auf 46 Hektar in rund 260 Meter Höhe ihre Weine. Die zum Betrieb gehörenden 26 Hektar des Clos Venturi wachsen gar in rund 460 Meter Höhe. Sämtliche Reben sind grossen Temperaturunterschieden ausgesetzt. Die einzigartige Lage und die Pionierarbeit von François Aquaviva sowie Jean-Marc und Manu Venturi, die das Weingut auf Qualität, Ökologie und autochthone Rebsorten getrimmt haben, liessen die Weine des Hauses zu den besten der Insel werden.

Auf der Domaine Vico erhält die frisch umgebaute Kellerei den letzten Schliff. Die gigantischen Betontanks aus früheren Zeiten wurden zweckentfremdet: Die wohnzimmergrossen Wannen beherbergen heute Flaschen, Barriques und Amphoren. Klasse statt Masse auch hier. Vom Keller ins Glas: Sehr eigen präsentiert sich der reinsortige Carcajolu aus der Weinlinie 1769. Dieses Purpur bringt sonst kaum ein korsischer Wein ins Glas. Neben frischer dunkler Frucht sind auch Noten von Veilchen auszumachen, dazu eine saftige Säure und feine Tannine. «Hier gehen wir voll auf die Frucht», erklärt Kellermeister Fabien Guillermier. Der Carcajolu gehört – wie Biancu Gentile, Barbarossa, Minustrellu oder Aleatico – zu jenen korsischen Sorten, die vermehrt reinsortig ausgebaut werden.

Da die AOP-Weingesetzgebung diesem Umstand noch nicht Rechnung getragen hat, verzichten zahlreiche Winzer auf eine entsprechende Zertifizierung. Raus aus der Appellation, zurück in die Zukunft! Zu einer Renaissance verholfen haben diesen Sorten Produzenten wie Winzerlegende Antoine Arena, Jean-Charles Abbatucci oder Yves Canarelli.

Naturwein-Raritäten aus dem Süden

Am südwestlichen Ende des Gebirges befindet sich die Domaine Comte Peraldi, ein weiterer Familienbetrieb mit Pionierstatus im Qualitätsweinbau. Heute ist Guillaume de Poix für den 50-Hektar-Betrieb am Stadtrand von Ajaccio verantwortlich. Wie die meisten jungen Winzer hat der 28-Jährige seine Ausbildung auf dem Festland absolviert. «Als ich im Burgund das erste Mal Pinot Noir trank, habe ich fast nichts gespürt», erinnert er sich. «Heute schätze ich Pinot und sehe Parallelen zum Sciaccarellu, der auch eher weniger Farbe und Tannin hat.»

Wir beenden unseren Roadtrip bei Sébastien Poly, einem der interessantesten Winzer der Insel. Seine Domaine U Stiliccionu liegt am südlichen Ende der AOP Ajaccio. Poly keltert Demeter-zertifizierte Naturweine, spontan vergoren und ohne Filtration oder Sulfitzusatz abgefüllt. Seine Domaine ist Mitglied der «Renaissance des Appellations» von Loire-Winzerlegende Nicolas Joly (Coulée de Serrant). Die Produktion der sechs Hektar kleinen Domaine ist jeweils in Windeseile vergriffen. Poly ist etwas in Hektik, seine Abfüllmaschine hat einen Achsenbruch erlitten. Und jetzt gibt’s auch noch Probleme mit einer Weinlieferung nach Kanada.

Die Domaine ist ein Einmannbetrieb, Poly hat sie vor rund einer Dekade nach Wanderjahren in Cahors, Neuseeland und Tokaij von seiner Familie übernommen. «Für mich war immer klar, dass ich biodynamisch arbeite», erklärt er. Das Interessante am biodynamischen Naturwein sei, dass er sich nach dem Öffnen super entfalte und häufig besser würde. Herkömmliche Weine seien nach einem Tag an der Luft oft tot.

Als wir dem Geheimnis von Polys Naturweinen auf den Grund gehen wollen, folgt die Ernüchterung. «Wein? Ich habe keinen Wein, alles abgefüllt und verkauft», sagt Poly mit grösster Selbstverständlichkeit. «Dégustation et vente» sagt hingegen das Strassenschild vor der Domaine. «Muss noch abgehängt werden», meint die Einmannarmee, bevor doch noch zwei Flaschen auftauchen. Wir verkosten einen vielschichtigen Vermentinu mit feiner Würze und runder Frucht. Der Wein vereint Opulenz und Raffinesse, hat aber auch eine wilde, ungezähmte Seite. Eigentlich ein schönes Sinnbild für die Weine Korsikas – und die Insel, auf der sie wachsen.


6 Weintipps aus Korsika

Von Sciaccarellu über Niellucciu bis zum wiederentdeckten Biancu Gentile – Korsika verfügt über eine Vielzahl einheimischer Sorten. Strukturierte Schätze mit frischer Frucht, feiner Würze und oft auch einer gewissen Salzigkeit.

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Domaine Pieretti
Muscat du Cap Corse AOP 2015
17 Punkte | 2016 bis 2036
Für einen aufgespriteten Vin Doux Naturel ist dieser Muscat erstaunlich frisch in der Nase. Daneben sind Birne, Quittengelee, etwas Honig und weisse Blüten sowie eine feine Würze auszumachen. Im Gaumen sanft und cremig. Zunächst animiert eine feine Würze, dann macht sich ein feiner Säurenerv bemerkbar. Süss, spannend, elegant.

Marie-Françoise Devichi
Patrimonio AOP Mlle D 2014
17.5 Punkte | 2016 bis 2026
Meist unterscheidet sich Niellucciu durch sein ausgeprägtes Tannin von der zweiten roten korsischen Leitsorte Sciaccarellu. Nicht bei Devichi. Ihr Niellucciu begeistert mit viel Frucht und Trinkfluss. «Ich möchte etwas machen, das mir gefällt und das mich vom Rest unterscheidet.» Das hat sie geschafft!

Domaine Giacometti
Patrimonio AOP Cru des Agriate Rosé 2015
17 Punkte | 2016 bis 2019
Rosé ist eine korsische Spezialität, die man nicht übergehen darf. Vor allem, wenn er so frischfruchtig, würzig und mineralisch ist wie bei Giacometti. Die Niellucciu- und Sciaccarellu-Trauben wurden direkt gepresst und zusammen vergoren. Perfekt für die Terrasse, aber auch als Essensbegleiter.

Clos Venturi
Vin de France 1769 Biancu Gentile 2015
17.5 Punkte | 2016 bis 2023
Die autochthone Weissweinsorte wird immer öfter auch reinsortig gekeltert – zum Glück! Mit ihren exotischen Nuancen und ihrem üppigen Körper ist sie eine schöne Alternative zum zitrisch-frischen Vermentinu. Beim Clos Venturi sind neben Agru- men- und Pfirsicharomen auch Noten von Rose und Muskat auszumachen. Cremig und salzig im Finish.

Domaine Comte Peraldi
Vin de Corse Cuvée Guillaume 2013
17.5 Punkte | 2016 bis 2026
Die Cuvée aus Niellucciu, Syrah und Carignan hat das Peraldi-Sortiment als Letztes erweitert, benannt von Guy de Poix noch seinem Sohn Guillaume. In der Nase elegant mit dunkler Frucht, im Gaumen strukturiert mit viel Tannin und Pfeffer, Lakritz und feiner Kräuterwürze. Ein Wein mit Kraft und Zug.

Domaine U Stiliccionu, Serra di Ferro
Ajaccio AOP Emy-Lidia 2015
18 Punkte | 2016 bis 2021
Gewachsen auf Granit, spontan vergoren und ohne Sulfit vinifiziert, präsentiert sich dieser Vermentinu mit komplexen Aromen von Pfirsich und Birne über weisse Blüten bis zu Safran, Mandeln und Butter. Würzig im Auftakt mit runder Frucht und animierender Säure. Langer, kraftvoller Abgang.

Diese Reportage wurde erstmals in der Ausgabe 09/2016 des Weinmagazins VINUM veröffentlicht.

PS: Wer sich für die vielfältige Küche Korsikas und deren Weinbegleitung interessiert, wird mit dem selten schön gestalteten Buch «Du pain, du vin, des oursins» von Nicolas Stromboni glücklich:

Du_Vin_Du_Pain_Des_OursinsPPS: Online-Lesetipp! Der Weinblog Verywinetrip berichtet straight outta Korsika.

Corse – sauvages autochtones

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A l’image de l’Ile de Beauté, de ses habitants ou de ses fromages, le vin corse contemporain se révèle sauvage, épicé et original. Un caractère bien trempé dû en partie aux divers microclimats insulaires et en partie aux cépages indigènes que les vignerons corses s’efforcent de remettre au premier plan.

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(Die deutsche Version gibt es hier)

Il semble que les vignes cherchent à embrasser les vagues. Peu de vignobles corses sont aussi près de la mer que ceux du domaine Pieretti au Cap Corse. «Ce terroir est unique! Les vins ne cessent de se bonifier, ce qui éveille l’intérêt des gens», explique Alain Venturi. L’intérêt fait aussi croître la surface d’exploitation. Comme partout ailleurs ou presque sur l’île, la sècheresse, le vent et la faune constituent des défis qu’il faut savoir relever. De nombreux vignobles sont entourés de maquis et de clôtures contre les sangliers

Avec cinq caves et trente hectares de vignes, l’appellation la plus septentrionale de l’Ile de Beauté est aussi la plus petite. Les cépages autochtones Niellucciu, Muscat à Petits Grains, Vermentinu et Alicante (Grenache) poussent dans les sols rocheux mêlant schiste et argile du domaine Pieretti. Celui-ci est connu pour sa cuvée blanche Marine, un Vermentinu vif développant un fruit frais, des arômes délicats et une finale salée. Weiterlesen

Am Kaiserstuhl ist ein Vulkan ausgebrochen…

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…ein Grauburgunder-Vulkan. Spontan und mit kaum zu bändigender Energie. Dokumentiert auf dem Weingut Salwey im badischen Oberrotweil. Das explosive Gemisch dieser «schnellen und wilden Gärung» – so nennt man das hier – stammt von alten Reben Reben aus der Lage Henkenberg, gelesen vor vier Tagen mit 92° Oechsle und einer Säure von 6,3g/l.

Mit dem heutigen Tag ist bei Salwey bereits die Hälfte der Ernte im Keller. Damit gehört das VDP-Weingut zu den Frühstartern am Kaiserstuhl. Anders als früher setzt man heute auf Frische und Struktur, auf Eleganz (mit einer Ausnahme haben alle Weine max. 12,5 Vol.-%) und – ja, man muss es so sagen, trotz des abgegriffenen Begriffs – auf Trinkfluss.

Und das ist gut so, wie sich bei der Verkostung der aktuellen Jahrgänge (2014-2016) zeigt: sämtliche Weine – egal ob Weiss-, Grau- oder Spätburgunder – zeigen eine vitale Frische, bei den roten Exemplaren wunderbar unterlegt mit einer feinen Kräuterwürzigkeit (u.a. von den Rappen), bei den Weissen mit salinen Anklängen im Abgang. Die Frucht ist da, drängt sich aber nicht in den Vordergrund, sondern fügt sich ein in das harmonische Gesamtbild. Dieses wirkt noch harmonischer, wenn man sich den explosiven Auftakt der Wein-Werdung vor Augen hält.

PS: Achtung – der Boden ist Lava!

In die Riesling-Falle getappt – vom Gutedel-Fail mit der Weinkönigin

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It’s Gutedel, Bitch! Im Markgräflerland regiert nicht der deutsche Platzhirsch namens Riesling.

Zugegeben, es war heiss, sehr heiss an diesem Spätsommertag im Zürcher Schiffbau. So heiss, dass am «Swiss Wine Tasting» (formerly known as «Mémoire & Friends») fast mehr Schweiss als Traubensaft geflossen ist. Mit den entsprechenden olfaktorischen Auswirkungen. Die Luft stand, an den Scheiben kondensierte der Wasserdampf zu Bächen und an den Ständen der Winzer-Stars schmiegten sich die Körper enger aneinander als an Ballermann-Stränden.

Und dann – ein Moment der Erleuchtung, eine Oase in mitten dieser gar nicht so trockenen Wüste – stand sie da, kredenzte wunderbaren Wein vom Bielersee und lächelte als müsste sie uns Sündern in dieser Vorhölle die Absolution erteilen. Ich kenne das Gesicht…aber nicht aus Schweizer Winzerkreisen, sondern als Antlitz einer deutschen Weinkönigin, deren Regentschaft unlängst zu Ende gegangen ist.

Kann das sein? Und was sucht sie in der Schweiz? Bei einem umwerfenden Chardonnay von Steiner Schernelz im Glas erfahre ich: Ja, es handelt sich tatsächlich um königlichen Besuch aus dem grossen Kanton, diesmal in der Rolle als Praktikantin beim besagten Weingut in Ligerz. Der Chardonnay ist inzwischen verdunstet.

Fail, fail, fail…

Auch bei mir macht sich die Hitze bemerkbar, kommt mir doch nichts dooferes in den Sinn, als mich bei der deutschen Hoheit in selten plumper Art anzubiedern. «Riesling ist mir viel lieber als Chasselas», höre ich mich sagen. Die Antwort kam umgehend und war das trockenste, was mir an diesem Sauna-Tag begegnet ist: «Ich mag Chasselas, schliesslich komme ich aus dem Markgräflerland.» Fail. Schöner Schlamassel! Stimmt, Josefine Schlummberger stammt aus der Hochburg des Chasselas, dort als Gutedel bekannt. Vor langer Zeit nach Baden importiert von einem Adeligen, der das Kraut am Genfersee aufgelesen hat (die Traube, versteht sich).

Nun brauche ich tatsächlich eine Absolution. Als Zeichen meiner Demut trinke ich fortan nur noch Gutedel aus dem Markgräflerland. So bis Ende Woche vielleicht. Ich wüsste da schon ein paar Kandidaten…

3 Fakten zu Gutedel bzw. Chasselas

  • In der Schweiz waren 2016 insgesamt 3’789 Hektar mit Chasselas bestockt (von total 14’780 Hektar).
  • Der Kanton Baselland kann 2015 hingegen nur mickrige 3,06 Hektar Chasselas vorweisen – das sind 2,68 % von insgesamt 114 Hektar in BL.
  • Anders im Markgräflerland, hier regiert König Gutedel mit 34 % Anteil und etwas über 1000 Hektar, was mehr oder weniger dem ganzen Gutedel-Anteil in Deutschland abdeckt.

PS: Natürlich schätze ich Chasselas/Gutedel/Fendant – je länger je mehr.

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Nicht als Praktikantin in der Schweiz, sondern 2016 als Weinkönigin in Deutschland – Josefine Schlumberger an der «Generation Riesling»-Geburtstagsparty in Frankfurt. Wer erkennt den Herrn, der sich hinten links aus dem Bild schleicht?

Unkomplizierter Trinkspass aus dem Baselbiet

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Frischfruchtig, fröhlich und unkompliziert. Diese Wochenend-Entdeckungen machen einfach nur Spass und bedürfen keinerlei hochtrabender Erklärungen. Beide absolut sortentypisch, beide aus dem Baselbiet – und beide mit unverschämt gutem Preis-Leistungs-Verhältnis. Die Rede ist vom Pinot Noir Wintersingen 2015 von André Roth und vom Oberwiler Sauvignon Blanc 2016 von Edith + Christian Jäggi aus Biel-Benken.

Vergiss Jenny from the Block, hier kommt Beyoncé aus dem Bunker

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Wein kann so simpel sein. So klar, so trinkig, so gut. So wie der Spätburgunder 2014 der Shelter Winery aus Baden (D). Shelter steht nicht nur für «Unterkunft», sondern auch für «Schutz» – in Anlehnung an den grasbewachsenen Bunker auf dem ehemaligen kanadischen Luftwaffen-Stützpunkt in Lahr, wo Hans-Bert Espe und Silke Wolf ihre Weine zwischenzeitlich gekeltert und gelagert haben.

Dieser Spätburgunder ist ein fröhliches, unkompliziertes Kerlchen mit klarer, roter Frucht (Sauerkirsche, frische Erdbeeren), einer feinen Würze, die an frisch ausgespuckte Kirschkerne erinnert, und Anklängen von Minze. Der ätherische Unterton hält im Gaumen an und verflüchtigt sich erst mit dem Abgang, eskortiert von sanften, weichen Tanninen. Schmelzig statt pelzig ist hier angesagt. Saft und Trinkfluss. Und ein Auftakt, so rund wie der Babybauch von Beyoncé.

Starallüren sucht man beim Spätburgunder vergebens. Wir befinden uns auf der Qualitätsstufe Gutswein, also an der Basis des Sortiments, in der untersten Schublade. Das sagt zumindest die Weingesetzgebung. Auf diese pfeift Boyoncé jedoch – und schwingt weit obenaus. Bei einem Flaschenpreis von etwas über 13 Franken kann man sich nicht beklagen. Hier lohnt sich das Bunkern.

Die Trauben der Shelter Winery wachsen in Kenzingen und Malterdingen nördlich des Kaiserstuhls, kulturviert in Lyra-Erziehung – das ist diese doppelte Laubwand, die von der Seite betrachtet aussieht wie zwei zur V-Form gespreizte Finger. Victory!

Die Ernte landet von Hand in kleinen Kisten und kommt rasch zur Verarbeitung in den Keller. Dort gibt man dem Wein dann alle Zeit, die er braucht. Die Maischegärung erfolgt in klassischen Holzbottichen, die Reifung im Barrique. Kein Pumpen, keine Filtration. Ein wohlbehüteter Tropfen aus dem Schutzbunker. Ein Ort, an dem ich gerne Zuflucht suche – ich meine den Wein, nicht den Bunker.

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«Unter -2°C ist es aus, basta» Die Crowdfunding-Aktion des Weintage-Winzers Marco Casanova

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Marco Casanova an den Schweizer Weintagen, kurz vor seinem Crowdfunding-Endspurt. 6 Tage vor dem Ende steht seine Aktion bei 84,6 Prozent. Also looos…hier unterstützen!

Update vom 19. Mai 2017: Vier Tage vor der Deadline hat Marco Casanova den angestrebten Betrag von 60’000 Franken beisammen. Herzliche Gratulation!

Mit Crowdfunding aus der Not: Nach 20 Jahren Weinbau hat sich Marco Casanova 2013 selbstständig gemacht. Seither kultiviert er seine Reben in Zizers (GR) und Walenstadt (SG) nach biodynamischer Philosophie. Das schwierige Jahr 2016 war Casanovas bisher «intensivstes Rebenjahr» mit hohen Ertragsausfällen durch Frost, Hagel, Mehltau und Kirschessigfliege. Damit sein junges Unternehmen CasaNova Wein Pur weiterhin bestehen kann, sucht Casanova über die Crowdfunding-Plattform «100 Days» noch bis nach finanzieller Unterstützung – nach dem schlimmen Spätfrost im April 2017 wird diese sogar noch dringender gebraucht. Die

Die Crowdfunding-Aktion, bei deren Angebot man vom Weinpaket bis zur Kellerführung mit Verkostung und Übernachtung geht, steht aktuell (Stand 11. Mai 2017) bei 72,8 Prozent und dauert noch 13 Tage. Bevor ihr Marco Casanova grosszügig unterstützt, könnt ihr seine Weine heute und morgen (11. und 12. Mai) an den Schweizer Weintagen verkosten – und sein Interview lesen zum Struggle im Rebberg, biodynamischem Weinbau und den Schweizer Weintagen.

Marco Casanova, über die Crowdfunding-Plattform «100 Days» suchst Du nach einem wettertechnisch und finanziell schwierigen Jahrgang 2016 nach «Boostern», die Dein junges Unternehmen unterstützen. Wie ist die Resonanz auf dieses ehrliche und (noch) ungewöhnliche Vorgehen?
Sehr gut. Ich erhalte viel Resonanz, auch ausserhalb der Crowdfunding-Aktion mit Hilfe und Angeboten in verschiedenster Form.

Hast Du das Gefühl, dass die Aktion gewissen Weintrinkern ein besseres Verständnis für den Aufwand und die Risiken eines Winzers vermittelt?
Das kann ich so nicht sagen. Aber sicher ist, es sind Leute, die ein Verständnis dafür haben, dass man für den Aufbau eines jungen Unternehmens nicht alle Risiken vorsehen oder gar budgetieren kann. Es sei denn, man ist mehrfacher Millionär. In meinem Fall, habe ich weder Immobilien noch Land als Sicherheiten – das würde eine Bank natürlich gerne sehen bei Investitionen.

Hattest Du in Bezug auf das Crowdfunding spezielle Erlebnisse, die Dich überrascht, berührt oder sonst irgendwie bewegt haben?
Ich stosse auf viel Verständnis und Zuspruch mit meiner vorwärts gerichteten Aktion. All die Kontakte, die guten und motivierenden Gespräche haben mich sehr bewegt und Mut gemacht. Auch in Bezug auf die jetzige Situation nach diesem schwierigen Start ins Jahr.

Wie geht es den Reben in Zizers und Walenstadt?
Es sieht schlecht aus.

Was waren Deine ersten Gedanken nach den Frostnächten im April?
Sch***** nicht schon wieder!

Hast Du die Rebstöcke mit speziellen Massnahmen gegen den Spätfrost geschützt? Mit Erfolg?
Wir konnten die Reben in Zizers beide Nächte einigermassen schützen mit Pellets-Säcken, die wir anzündeten. Walenstadt war organisatorisch ein Spagat. Wir zündeten in der zweiten Nacht Feuer an in den Lagen Fürscht und Fürschtberg. Der Hof – meine höchste Lage mit 1,5 Hektar Riesling-Silvaner und Bauburgunder – wurde bereits in der ersten Nacht schwer getroffen. Das Thermometer fiel in der ersten Nacht noch weniger tief, jedoch vermute ich, dass die enorme Nässe ausschlaggebend war für das erfrieren der Schosse. In der Seemühle (Kaliforni) ging ich auf Risiko, machte nichts, und hoffte auf die mildernde Wirkung des Sees. Die Taktik ging auf: auf 1,7 Hektar gab’s nur etwa 20% Frostschäden. Ein kleiner Trost.

Wie gross ist die Chance, dass sich die Reben jetzt noch erholen?
Im Hof habe ich 100 Prozent Frostschäden, kein einzig grüner Trieb war mehr am Stock. Hier rechne ich mit etwa 10 bis 15 Prozent fruchtbarer Seitenschosse, die noch austreiben werden. Über die Qualität kann noch nicht gesprochen werden, das Rebjahr hat ja erst begonnen…

Kommt es den Pflanzen nun zugute, dass sie biodynamisch kultiviert werden? Etwa indem sie robuster und vitaler sind und bessere Energiereserven haben?
Nein, das ist eine höhere Gewalt der Natur. Wenn eine Rebe früh austreibt und Frost unter -2°C kommt ist, es aus. Basta.

Ich hoffe, das ist nicht Dein Szenario, aber: Was für Arbeiten fallen in der restlichen Vegetationsperiode an, wenn sämtliche Triebe verfroren sind und kein Ertrag mehr in Aussicht ist?
Es geht unverändert weiter – einzig das Erlesen beginnt später. Aber alle Schosse, die jetzt noch Austreiben, muss man genauso mit Pflanzenschutz schützen – auch wenn sie keine Trauben tragen. Es geht um den Stockaufbau im kommenden Jahr. Dafür brauchen wir wieder gesundes Holz zum anbinden. Auch die Bodenbearbeitung, sprich mähen, läuft weiter.

Wie wirkt sich der biodynamische Anbau auf die Reben und den Wein aus?
Bei den Reben ist das Ziel, dass sie sich mehr eigene Abwehrstoffe aufbauen und der Pflanzenschutz mit natürlichen Mitteln zu 100 Prozent hält. Im Wein soll der Boden und die Mineralität voll erlebbar sein.

Du betreibst den einzigen Weinbaubetrieb mit eigener Kellerei in Walenstadt. Was ist das besondere an diesem Ort, seinen Böden, seiner Exposition?
Walenstadts Weinbaugeschichte geht 2000 Jahren zurück. Das Gestein ist tiefgründig, mineralisch, sehr kalkhaltig und in Südlage. Der See spielt natürlich auch eine wichtige Rolle: Tagsüber werden die Trauben durch die Spiegelung des Walensees und der intensiven Sonneneinstrahlung stark erhitzt, abends werden sie vom Fallwind, der über die hohen, steilen Felswände der Churfirsten herunterweht, abgekühlt.

Wer braucht schon das kalifornische Napa Valley – bei Dir gibt’s den Weingarten «Kaliforni». Was hat’s damit auf sich? Woher der Name?
«Kali» kommt von Kalk, «forni» von Four (Ofen), also Kalkofen. Dort wurde vor 150 Jahren Kalk abgebaut. Es war der erste Untertagbau der Schweiz.

Welche Traube gedeiht hier deiner Meinung nach am besten – und wieso?
Chardonnay und Pinot Noir. Beides sind Sorten, die den Kalk lieben.

Vergangenes Jahr kamen mit Frost, Hagel, Mehltau und der Kirschessigfliege fast alle Übel auf einmal zusammen. Wie happig ist es da, im Folgejahr gleich nochmals Frostschäden zu haben, die das Ausmass des Vorjahres sogar noch übersteigen?
Bitter. Aber ich sehe mich ja nicht alleine mit dieser Situation konfrontiert. Dieses Jahr traf es viele Winzer auf beiden Beinen.

Trotz aller Naturgewalten – die Weinqualität muss darunter ja nicht zwingend leiden. Was erwartest Du vom Jahrgang 2016?
Der ist Ausgezeichnet.

Wie präsentieren sich die Weine, die Du heute an den Schweizer Weintagen in der Markthalle ausschenken wirst?
Die Weissweine zeigen sich von einer sehr schönen Fruchtigkeit, Frische und Komplexität und angenehm im Gaumen. Sehr sortentypisch. Meine Favoriten sind der Seemühle Chardonnay 2015 und der Fürscht Pinot 2015.

Wie hast Du die Schweizer Weintage bisher erlebt?
Als sehr angenehme, kleine und übersichtliche Weinmesse an einem wunderbaren Ort in dieser Markhalle.

Was sind Deine wichtigsten Erkenntnisse nach über 20 Jahren Weinbau?
Die Natur! Wir leben mitten in ihr – und sind ihr fremd. Sie spricht unaufhörlich mit uns – und verrät uns ihr Geheimnis nicht. Wir wirken beständig auf sie – und haben doch keine Gewalt über sie.

Facts & Figures: CasaNova Wein Pur

Im Rebberg
Lagen: Walenstadt; Seemühle (Kaliforni), Fürscht und Hof, Zizers; Bovel
Rebfläche: 5ha
Traubensorten: Riesling-Silvaner, Chardonnay, Sauvignon blanc, Riesling, Pinot Noir, Cabernet Jura, Gamaret
Erziehungssystem der Reben: Einfacher Strecker
Mittlerer Ertrag: 600g/m2
Ernte: Manuell, im Rebberg gesöndert
Zertifizierung: Demeter (in Umstellung)

Im Keller
Filtration: Nur wenn nötig, je nach Jahrgang mit Papierschichtenfilter
Schönung: keine, oder wenn nötig mit Kartoffelstärke (Vegan)
Ausbau: Stahltank, Barriques, und 600-Liter-Pieces
Durchschnittliche SO2-Zugabe: 60-90mg/l
Weine pro Jahrgang: In einem normalen Jahr, ca. 25’000 Flaschen mit 12 verschiedenen Weintypen.

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www.casanova-weinpur.ch
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«Nicht schon wieder!» Marco Casanovas Start als selbstständiger Winzer wird durch die Wetterkapriolen der letzten Monate erschwert – das nimmt er nicht tatenlos hin.

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«Lieber junger Weinkenner als alter Rapper»

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Dieses Interview zu den Schweizer Weintagen ist erstmals am 9. Mai 2017 auf 20minuten.ch publiziert worden. Ausser das Teaser-Video am Textende – das ist neu. Und von mir. 

Fetch kennt man als Rapper von Brandhärd. Bürgerlich ist Joël Gernet profilierter Weinkenner und Mitorganisator der Schweizer Weintage, die am Donnerstag in der Markthalle beginnen.

Schweizer Weintage

«Wein Verkosten ist mindestens so aufregend wie das durchhören des neusten Kendrick Lamar-Albums», sagt Traubensaft-Aficionado Joël Gernet. (Foto: Eleni Kougionis)

Joël, die Weintage werden von jungen Winzern und Enthusiasten wie dir organisiert. Ist der vergorene Rebensaft das neue Craft Beer?
Das wäre schön! Schliesslich geht es wie beim Craft Beer um die Leidenschaft zu einem handwerklich gefertigten Genussmittel mit Charakter abseits der Massenproduktion. Winzer sowie Konsumenten interessieren sich zunehmend dafür, wie das Gebräu in ihrem Glas entstanden ist. Ein schöner Trend! Die Bärte einiger Winzer stehen jenen der hippen Craft-Beer-Brauer übrigens in nichts nach.

Weinmessen gelten als elitäre Versammlungen, wo jeder mit seinem Fachwissen prahlt. Darf Wein auch einfach fresh sein?
Unbedingt. Fresh ist gut – und Teil meines Wein-Wortschatzes. Fachwörter sind vor allem für die eigenen Memoiren wichtig. Dank ihnen weiss ich auch in zwanzig Jahren noch, was ich beim Trinken empfunden habe. Und ich sehe, wie sich dieser Wein entwickelt hat. Vom öffentlichen Fresse-Aufreissen halte ich – anders als beim Rap – wenig. Die Weintage sollen eben gerade nicht elitär sein. Oft schmecken Neulinge sowieso schon instinktiv erstaunlich viel aus dem Glas raus. Aber seien wir ehrlich: heimlich finden wir die elitäre Aura des Weins doch auch ein bisschen geil.

Du bist als Rapper bekannt geworden, heute schreibst du professionell über Wein. Wie wichtig ist bei einem Wein ein gute Punchline?
Ein Überraschungs-Punch ist immer gut. Eine Wein-Punchline ist für mich etwa, wenn mir ein Cru beim Abgang, also je nach Vorliebe beim Spucken oder Schlucken, nochmals eine völlig neue Seite offenbart. Etwa ein frisch-ätherisches Finish nachdem der Auftakt rund und fruchtig war. Als Punchline empfinde ich auch, wenn sich ein Wein über Stunden und Tage verändert in Geruch und Geschmack. So wird Verkosten mindestens so aufregend wie das durchhören des neusten Kendrick Lamar-Albums.

Du nimmst als Kritiker kein Weinblatt vor den Mund: Wein-Schönsprech schade der Credibility, hast du unlängst geschrieben. Ist Authentizität und Attitude für Winzer genauso wichtig wie für Rapper?
Ich finde schon. Aber im Gegensatz zu Rappern, die mit Lügen und unflätigem Verhalten zum Millionär werden können, ist der Winzer auf gutes Handwerk angewiesen. Da er mit der Natur arbeitet, muss er sich und seinen Rebberg jedes Jahr neu interpretieren – und entsprechend verkaufen. Da ist es natürlich verständlich, dass einer von seinem 2016er-Jahrgang nicht sagt: ‹Dieser Wein ist voll whack, der krasse Hagelschlag in seiner Hood hat ihn komplett zerschossen und verfaulen lassen und die Kirschessigfliege, diese Bitch, gab ihm dann den Rest.»

Wie bist Du eigentlich auf den Wein gekommen? Rapper lassen sonst ja lieber teuren Champagner sprudeln.
Als preiswerte Alternative zu Champagner empfehle ich Cava. Zum Wein gefunden habe ich, als ich mich als Familienvater anderen Themen widmen musste als dem Rock’n’Roll. Es ist zum ersten Mal seit der Entdeckung der HipHop-Kultur in den 90ern, dass ich mich wieder freiwillig so krass in ein Thema vertiefe. Ausserdem bin ich lieber ein junger Weinkenner als ein alter Rapper.

Was zeichnet für dich einen guten Wein aus?
Charakter, Balance und Komplexität. Das klingt ausgelutscht, ist aber so. Ein guter Wein ist interessant und lebendig, weil er jedem, der sich auf ihn einlässt, etwas zu entdecken gibt. Es geht um das perfekte Zusammenspiel von Komponenten wie Frucht, Säure, Würze und Mineralität. Dafür muss man nicht zwingend tief ins Portemonnaie greifen.

Schweizer Weintage
Die Schweizer Weintage finden am 11. und 12. Mai zum vierten Mal in der Basler Martkhalle statt. 25 Schweizer Winzer stellen dort ihre Weine persönlich vor. Mit von der Partie sind auch Jost&Ziereisen und Valentin Schiess Vinigma aus Basel sowie die jungen Arlesheimer Winzer von Quergut. Junge Winzer stehen speziell im Fokus. Die Gruppe «Junge Schweiz Neue Winzer» hat erstmals einen eigenen Stand.

www.schweizerweintage.ch