Na du Stinker? Verschnupft und verkorkt!

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Wein und Schnupftabak: Diese Mariage passt überhaupt nicht – ausser der Wein hat Kork.

Das Timing des Kellners ist ungünstig. Der Schnupftabak liegt auf den Handrücken bereit. Kichern. Verstohlene Blicke. In einem Hotel mit gratis Hauswein muss nicht alles so formell sein. Ausser die Begutachtung des Weins von der Karte. Der vino di casa wurde links liegen gelassen. Und der Kellner wird ungeduldig.

Die linke Hand mit den verdächtigen Häuflein verschwindet unter dem Tisch. Die andere führt den Kelch zur Nase. Kork! Der Wein ist muffig statt fruchtig und riecht wie nasser Hund auf feuchtem Karton. Unschön. Auch der Abgang: bitter wie das Abschneiden der Schweizer Fussballclubs in der Champions-League-Qualifikation.

Zurück zum Absender! So einfach lässt sich Kork nicht immer entlarven. Oft ist er ein Dieb auf leisen Sohlen. Er beraubt den Wein seiner ursprünglichen Aromatik und ist so sachte unterwegs, dass er manchmal sogar unbemerkt wieder davonkommt. Ein Korkschleicher. Nicht selten haben die Damen der Runde das feinere Näschen, um diese Stinker zu überführen.

So wird wird Kork entlarvt

Aber wie entlarvt man einen kontaminierten Cru? Am auffälligsten ist der modrige Kellergeruch. Manchmal wird auch Schimmel, faulendes Holz oder Leder zitiert. Im Gaumen alarmiert eine beissende Bitterkeit im Abgang die Kork-Polizei. Sortentypische Aromen? Fehlanzeige!

Anders als andere Weinfehler verflüchtig sich der «Zapfen» nicht mit etwas Zeit und Luft. Dafür lässt sich der Stinker durch Erwärmung verdeutlichen. Etwa indem der Wein mit warmem Wasser gestreckt wird. Bei Rotwein kann ein dezenter Fehlton durch Gerbstoffnoten überdeckt werden. Die Grenze zwischen Gut und Böse ist gar nicht so eindeutig. In der Gastronomie wird ein verdächtiger Wein oft ohne Widerrede ersetzt – so auch bei uns. Der Kellner ist immer noch nicht zurück. Also nix wie weg mit dem Schnupf!

Am Ursprung eines Korkschmeckers steht die ungewollte Aktivität von Pilzen. Diese stammen etwa von schimmligen Beeren, unsauberen Gebinden oder chlorhaltigen Mitteln zur Behandlung von Holz. Vor allem Spitzenproduzenten haben viele potenzielle TCA-Quellen bei der Produktion eliminiert – sie investieren viel Geld in die Kontrolle ihrer Korken.

Mit Schiesspulver desinfiziert

Komplett eliminieren lassen sich die Stinker nicht. Ganz fies: Auch Weine mit Drehverschluss können Kork haben, nachdem sie im Keller die falschen Kontakte geknüpft haben. Aber natürlich bietet poröser Naturkork mehr Angriffsfläche. Dabei ist die leichte Durchlässigkeit die Stärke von Kork – sie ermöglicht das minimale Eindringen von Sauerstoff.

Inzwischen ist der Kellner mit der Ersatzflasche eingetroffen. Dummerweise wurde die verkorkte Nase soeben mit Schnupftabak desinfiziert. Suboptimale Bedingungen, um den neuen Wein zu testen. Deshalb folgt ausnahmsweise die Verkostungsnotiz des Schiesspulvers: In der Nase Menthol, schwarzer Pfeffer und erdige Nuancen; im Nastüechli erdige Farben – und mit Tränen im Abgang. Hatschi!

Dieser Artikel wurde erstmals in der bz Basel publiziert.

Julien Guillon – Sein Pinot steht unter Strom

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Smoke on the Weinberg: Julien Guillon, Macher des «Electric Water».

Donnerwetter. Dieses «Electric Water» schlägt ein wie ein Blitz. Ein Pinot Noir aus dem Wallis. Himbeerrot und milchig, als wäre er durch einen Gletscher gesickert. Die duftigen Donnerwolken, die in die Nase steigen, sind dunkler und deftiger. Man stelle sich Holunderbeeren vor. Oder Sauerkirsche. Das Himbeerjoghurt schimmert dezent durch die Wolkendecke. Veilchen ebenso. Für Spannung sorgt eine frische Kräuterwürzigkeit, die duftet wie frisch verhageltes Unterholz.

Auch im Gaumen zuerst der Blitz – die vibrierende Säure – dann donnern Frucht und Würze rein. Im Mund ist der Cru ein Tick rustikaler. Radikaler. Doch er entwickelt sich zu einem schönen Finale mit frischer Mineralik und einem etwas stoppligen Tannin-Teppich. Das ist ok – der Wein ist noch jung. Mit frischen 12 Volumen und dem kräutrigen Charakter ist der «Electric Water» ein typischer Cool-Climate-Wein.

18 Parzellen, 25 Weine: Ein kleiner Ausschnitt aus dem Lineup von Julien Guillon.

Pardon! Ich bin ungestüm wie ein Wolkenbruch reingeplatzt und habe Pinot verspritzt – ohne den Winzer vorzustellen. Das wird jetzt nachgeholt: Der «Electric Water» stammt aus dem Jahr 2018 – und von Julien Guillon. Dieser stammt aus Genf, wurde im Burgund ausgebildet und hat sich bei Sion im Unterwallis niedergelassen. Dort macht er seit 2017 Wein. Auf den Etiketten seiner Crus stehen Sachen wie «méthode agricole de Rudolf Steiner», «Vin de Pays Suisse» oder «contient des sulfites naturel».

Zu Deutsch: biodynamischer Rebbau, der Winzer nimmt sich mit dem Label «Landwein» die grösstmögliche Freiheit – und er setzt keinen Schwefel zu. Also keine Sulfite. Man merkt: Guillon macht vins naturel. Gewachsen im Einklang mit der Natur, gekeltert ohne Zusätze. Da könnte man meinen, dass der Name «Electric Water» eine metaphysische Ebene hat. Denkste! Es ist viel trivialer: Die Pinot Noir-Reben dieses Weins wachsen bei Ayent neben einem Elektrizitätswerk. Hier fliessen nicht nur Megawatt sondern auch die Rhône, einer der wichtigsten Ströme Europas.

Die Reben stehen also doppelt unter Strom. Oder daneben. Gut so, Spannung ist das Gegenteil von Langeweile. Und so sind auch die Weine von Julien Guillon. Der elektrische Rebberg ist eine von 18 meist kleinen Parzellen des bald 37-Jährigen. Eine der tiefsten. Seine höchste Lage liegt bei Fully auf 900 Meter über Meer. Ein privilegierter Fleck mit viel Sonne und kühlen Nächten.

Hier sind die Reben aber auch den Kräften der Natur ausgesetzt. Zum Beispiel Frost. Oder dem Hagelsturm, der die Reben vor einer Woche heimgesucht hat – kurz vor der Ernte. Das schmerzt. «2019 hat sich schon jetzt in meine Seele eingebrannt», sagt Guillon bevor er wieder in den Rebberg klettert. Dort ist er, der fast alles alleine und in Handarbeit erledigt, viel lieber als an Weinmessen. Trotzdem verkauft er 80 Prozent seiner Crus ins Ausland. Dank Social Media. Vor allem aber dank seiner elektrisierenden Weine.

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Mona Lisa Chappaz – ein Schweizer Trumpf, der immer sticht

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Schamlos schielt mir die junge Dame in die Jasskarten. Mit eindringlichem Blick und einem sanften Lächeln auf den Lippen – fast wie Da Vincis Mona Lisa. Unverschämt! Zum Glück ist Madame verschwiegen. Ich bin irritiert, zögere. Soll ich tatsächlich Slalom ansagen? Und falls ja: mit welcher Karte beginne ich? Ein Match liegt drin! Die Gute starrt mir immer noch in die Karten. Sie könnte ruhig helfen, anstatt nur stumm rumzustehen.

Ich nehme die Flasche mit der lächelnden Mona Lisa auf dem Etikett und schenke etwas Rotwein nach. Das hilft. «Slalom – wir beginnen mit Undenufe!» Der Wein macht Mut. Ein grandioser Tropfen aus den Bordeaux-Sorten Merlot, Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc. Aber dieser Cru stammt nicht aus dem Bordelais, sondern aus dem Wallis. Passend zum 1. August hat sich das Wetter in Zermatt soweit heruntergekühlt, dass man guten Gewissens zum kräftigen Roten greifen kann. Krass, wie schlank ein Powerwein trotz 14 Volumen wirken kann. Die Dame ist frisch wie eine Sommernacht in den Bergen. Diese mysteriöse Madame, deren Identität noch gelüftet werden soll.

Label, Labern, Gotteslästerung

Der Wein ist von Marie-Thérèse Chappaz aus Fully. Die Crus der Walliser Biodynamie-Pionierin werden von Kritikern hochgelobt und von Liebhabern verehrt. Ihre Strahlkraft leuchtet weit über die Landesgrenzen hinaus. Die Süssweine von Marie-Thérèse Chappaz sind legendär. Zwei von ihnen wurden 2018 mit je 99 Parker-Punkten ausgezeichnet – das hat in der Schweiz noch niemand geschafft.

Ob die Mona Lisa auf dem Weinetikett die junge Marie-Thérèse zeigt? Aus der Zeit, als sie 1987 mit 17 Jahren die ersten 1,5 Hektar Reben übernommen hat? Dann würde das Label sozusagen Mona Lisa Chappaz zeigen – gezeichnet im Stil eines Andy Warhol. Item. Bei einem Wein von Marie-Thérèse Chappaz so lange übers Label zu reden, grenzt an Gotteslästerung. Da könnte man ebenso gut übers Jassen lamentieren.

Ich schmetter mein letztes Ass auf den Tisch, gleich neben dem Glas mit diesem wunderbaren Wein drin – dem «Grain Noir 2017». Die schöne Balance zwischen Power und Finesse wurde ja schon besungen. Daneben besticht der tiefdunkle und dicht gewobene Cru mit frischer dunkler Frucht, straffer Struktur und schöner Kräuterwürzigkeit. Eine Schweizer Assemblage aus Merlot, Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc ist nicht so oft zu finden – so eine sowieso nicht.

Es ist der dritte «Grain Noir»-Jahrgang in Folge, der mich in Ektase versetzt. Noch ein Schluck. Der Match ist im Trockenen. Naja, fast. Mona Lisa Chappaz muss mitansehen, wie der Triumph in der allerletzten Runde vereitelt wird. Immerhin habe dabei ich einen der besten Rotweine der Schweiz im Glas.

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Supplement: 10 Fakten zu Marie-Thérèse Chappaz

  1. Hat 1987 die ersten 1,5 Hektar Reben übernommen – im Alter von 17 Jahren
  2. Ursprünglich wollte Chappaz Hebamme werden
  3. Zunächst musste Chappaz ihre Trauben verkaufen, weil der Keller noch nicht ready war
  4. Erster eigner Jahrgang 1988 – ein Jahr vor der Eröffnung des Kellers über Fully im Lieu-dit La Liaudisaz
  5. Heute bewirtschaftet Chappaz 10 Hektar in Fully, Charrat, Leytron und Chamoson
  6. Die Weine wachsen in einer Höhe von 450 bis 800 Meter über Meer
  7. Internationale Bekanntheit hat Chappaz vor allem dank ihren Süssweinen erlangt
  8. 1997 Entschluss zur Biodynamie, ab 2002 biodynamisch, seit 2004 mit dem Demeter-Zertifikat
  9. In der legendären kesselförmigen Steillage Combe d’Enfer wird es im Sommer bis zu 40 Grad heiss
  10. Auszeichnungen: Winzerin des Jahres (Gault Millau 1996), Prix d’excellence (Villa d’Este Wine Symposium 2015), Schweizer Weinikone (Gault Millau 2016), zwei Mal 99/100 Parker-Punkte (2018)

Arianna Occhipinti – Königin der Landstrasse

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Hier lebt es sich gut für einen Höhlenmenschen. Die Tischdecken leuchten weiss wie die Kalksteinfelsen über uns. Schwalben fliegen flink aus dem Gewölbe und ziehen ihre Kreise, als wollten sie sich der atemberaubenden Aussicht vergewissern. Ein Kreislauf zwischen Himmel und Höhle. Das Gewölbe wenige Meter über der Brandung hat das Restaurant «Grotta Palazzese» an der süditalienischen Adriaküste weltbekannt gemacht. Das Meer leuchtet azurblau. Aber ich sehe rot, habe nur Augen für den Wein.

«Ein toller Wein!» Die Augen des Kellners funkeln während er die Flasche entkorkt. War das ein Kompliment? Eine nett gemeinte Floskel? Sein verschwörerischer Blick lässt Raum für Interpretationen. Im Zweifel zu Gunsten des Angeklagten! Das macht uns zu Komplizen. Zu Verbündeten im Fanclub der sizilianischen Winzerin Arianna Occhipinti und ihrer Weine.

Wir sind zwar in Apulien, aber trinken Sizilien. Im Glas glitzert ihr SP68 Rosso. Die Assemblage aus 70% Nero d’Avola und 30% Frappato hat Occhipinti nach jener Landstrasse im Süden der Insel benannt, an der ihre Weinberge liegen.

SP68 – ein Symbol aus Asphalt

Eigentlich lustig, dass eine naturverbundene Winzerin wie Occhipinti ihren Wein nach einer Strasse benennt und beschildert. Aber es passt. Nicht, weil Occhipinti sich um ihre Street Credibility kümmern müsste, sondern weil die Strada Provinciale 68 als asphaltiertes Symbol ihrer Karriere gesehen werden kann.

Die Strasse führt zum Weingut COS ihres Onkels Giusto Occhipinti, der Arianna als Teenager mit dem Weinvirus infiziert hat. Und als junge Winzerin war sie später mitverantwortlich dafür, dass aus dem Geflecht an Landstrassen rund um die SP68 eine Strada del Vino wurde – mit Wegweisern zu den Winzern und weniger illegalen Mülldeponien.

Ob das der Kellner mit den funkelnden Augen auch weiss? Die Aromen des Weins, den er soeben kredenzt hat, würden ihm jedenfalls eine andere Geschichte erzählen. Von heissen Tagen und kühlen Nächten in den Weinbergen. Von knorrigen Buschreben. Und von lokalen Sorten, die im Glas zu einer eleganten und würzigen Kreszenz zusammenfinden. Nur 12,5 Volumenprozent! Schon krass, wie frisch ein Rotwein sein kann, der fast auf dem gleichen Breitengrad zuhause ist wie die Einwohner von Tunis.

Frischer Frappato fürs Herz

Der SP68 ist Occhipintis Wein der Strasse. Ihr Wein des Herzens ist aber der Frappato. Die sizilianische Rarität bringt in den Augen der Winzerin den Charakter ihrer Heimat – und auch ihren eigenen – am besten auf den Punkt. Frappato punktet mit frischer Eleganz, einer sanften Würzigkeit, und einer Kaskade an roten Fruchtaromen. Rote Johannisbeeren zum Beispiel. Oder frisch gepflückte Erdbeere.

Manchmal fühlt man sich auch an ungesüsstes Erdbeer-Frappé erinnert. Muss wohl am Namen liegen. Und weil man den feingliedrigen Wein auch leicht gekühlt trinken kann – zuhause im Garten oder in einer Höhle am Meer.

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Sali Souvenir – eine Betriebsanleitung für Ferienwein

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Das Meer leuchtet in der Abendsonne wie flüssiges Gold. Der Sand kitzelt zwischen den Zehen. Im Eiskübel eine Flasche Weisswein, vor sich her dümpelnd wie die Fischerboote im Hafen.

Alle Sorgen weit weg, die Lieben ganz nah. Die einzigen Fragen, die man sich stellen muss, sind: Wo gehen wir essen? Und: Welchen Wein trinken wir? Natürlich etwas Lokales. Irgendwas Weisses, das zu den mediterranen Köstlichkeiten im Teller passt. Gesagt, getan. Alles perfekt.

Naja. Zumindest damals in Korsika. Als vinophiler Grünschnabel hatte ich sofort eine Buddel dieses Ferienweins klargemacht und zwischen sandigen Socken und salzigen Strandtüchern im Koffer verstaut. Als ich ihn später zu Hause entkorkt habe, war der feine Flaschengeist allerdings längst ausgeflogen. Die Frische, die Frucht – alles weg. Ein muffiger Feriengruss. Heute, bisschen erfahrener, kann ich dazu nur sagen: Gnadenlos in die Ferienfalle getappt! Folgende Klippen gilt es nämlich bei der Jagd nach Flaschenpost zu umschiffen:

Tauche nach Perlen: In Touristenorten scheinen viele Bar- und Restaurantbetreiber nicht viel Energie in ihre Weinauswahl zu investieren – es läuft ja auch so ganz gut. Der anspruchsvolle Geniesser checkt deshalb vorgängig, wo die guten Weine zu finden sind. Mit der App «Raisin» lassen sich nicht nur ausgewählte Bars und Restaurants entdecken, sondern auch Händler und
Winzer.

Sei neugierig und wählerisch: Wer sich von Präferenzen leiten lässt, minimiert zwar das Risiko einer Enttäuschung, entdeckt aber auch nichts Neues. Regionale Rebsorten und lokale Macharten haben ihren ganz besonderen Reiz. Neugierige verkosten sich deshalb am besten einmal quer durch das Angebot an Offenwein.

Spar Dir den Transport: Dank Portalen wie wein-plus.eu oder wine-searcher.com lässt sich im Handumdrehen feststellen, ob es den Ferienwein auch beim Händler zu Hause gibt. Ausserdem bieten die Websites eine Flut an Weintipps zu vielen Ferienregionen.

Zisch weg das Zeug: Frische Sommerweine sind am besten rasch zu geniessen. Sonst wird daraus eine Kellerleiche, die nach Jahren der Vergessenheit jegliche Vitalität verloren hat – so wie bei meinem Ferienfiasko aus Korsika.

Ein Ferienwein ist ein Ferienwein, zu Hause kann er das nicht sein: Ein Genusserlebnis, zu dem auch das Ambiente gehört, das Essen, das Gefühl von Freiheit und Sorglosigkeit. So ein Erlebnis lässt sich nicht einfach rekonstruieren. Aber man kann es ja zumindest versuchen.

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Die Dreiländerbrücke führt ins Burgund

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Unkompliziert mit Würze und Pfiff: Der Moulin aux Moines Pinot Noir XVII.

Basel ist eine Weinbastion. Wir leben im Herzen einer grossen Weinregion, in der einige der besten Crus überhaupt wachsen. Die Ansage ist prollmundig wie ein Primitivo – aber ich stehe dazu. Wer die Schweizer Brille in die Ecke donnert und die Flughöhe nach oben schraubt merkt: Basel liegt zwar am Rand der Schweiz und hat mengenmässig nix zu melden in der Weinwelt – vom internationalen Weinhimmel aus betrachtet liegt das Rheinknie aber im Zentrum dreier Regionen, deren Topgewächse es mit fast jedem Spitzenwein dieser Welt aufnehmen können.

It’s the Dreiländereck! Wer nach Norden guckt, sieht links das Elsass mit den Vogesen und rechts die Reben des Weiler Schlipf, südlichste Lage in Baden. In beiden Regionen (Elsass und Baden) wachsen je etwa gleich viel Hektar Reben wie in der ganzen Schweiz. Bei diesem grenzenlosen Weitblick könnte man auch gleich die ganze Schweiz ins Dreiland-Panorama integrieren. Ich schweife ab – zu viel Aufwind, zu grosse Flughöhe.

Von Huningue direkt ins Burgund

Nix wie runter auf den Boden der Tatsachen. Wir landen am westlichen Ende der Dreiländerbrücke, gegenüber des Weiler Rheincenters und des Basler Rheinhafens. Willkommen in Huningue. Genauer: Im «La Huninguoise», einer Weinbar mit einer wunderbaren Karte voller französischer Kreszenzen. Hier kann jeder seine eigene Tour de France zelebrieren. On y va! Ich sprinte direkt ins Burgund zu den Weinen von Clos du Moulin aux Moines – die Burgunder Winzerin ist persönlich vor Ort.

Ihre weissen Crus aus Chardonnay bringen die gewünschte Frische an diesem heissen Sommerabend. Trotzdem wechselt die Weinampel auf rot. Ob das gut kommt bei dieser Hitze? Und wie! Der Wein bringt nämlich nur zarte 12 Volumenprozent auf die Waage und trumpft mit frischfröhlichen roten Fruchtaromen auf, dazu auch etwas Menthol und Zedernholz.

Ein Querschläger ohne zugesetzten Schwefel

Krass! Schliesslich haben wir es hier mit dem Einstiegswein, der Basis, zu tun: dem Pinot Noir XVII. Ausgebaut im Stahltank und ohne Zusatz von Schwefel. Beides ist einigermassen ungewöhnlich für einen Burgunder. Vermutlich deklarieren die Macher den Wein auch deshalb als Vin de France, das ist die ‹einfachste’ Klassifizierung in Frankreich – dabei wachsen die Rebstöcke dieses Vin Naturel an der legendären Côte de Beaune.

Der Wein ist ein Querschläger. Manche Rote, denen kein Schwefel (Sulfit) zugesetzt wurde, präsentieren sich zunächst rustikal und von dezenter Frucht. Der hier nicht! Ein unkompliziertes Kerlchen mit Würze und Pfiff, das auch leicht gekühlt weggezischt werden kann. Kostet zum Mitnehmen 16 Euro – das «Huninguoise» ist nämlich auch ein Take Away.

Ab in den Rucksack mit der Pulle und zurück über die Brück’ via Weil ans Kleinbasler Rheinufer. Am Klybeckquai gibt’s noch die letzten Sonnenstrahlen zu erwischen. Dazu die letzten Tropfen dieses roten Sommerweins, der wunderbaren Trophäe dieser kompakten Dreiland-Spritztour. Praktisch, im Herzen dieser drei Regionen zu leben.

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Das sind die Baselbieter Staatsweine 2019

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So sehen Sieger aus: Heute wurden im Schloss Ebenrain zum vierten Mal die Baselbieter Staatsweine gekürt. Mit diesen dürfen sich unsere Politiker also fortan die Lampe füllen. Sie werden ihre Freude haben – die Weine machen Spass.

Besonders gefallen haben mir der «Syydebändel Pinot Noir Barrique 2016» – ein Gemeinschaftswerk von 10 Oberbaselbieter Winzern – mit seiner schönen Balance zwischen eleganter Frucht, floralen Nuancen und einer frischen Würzigkeit; bei den Weissen war es der «Maispracher Riesling-Sylvaner 2018» der Siebe-Dupf Kellerei, ein perfekter Terrassenwein.

Ansonsten waren die Rotweine, vor allem die aus den heissen Jahren, etwas zu wuchtig und fruchtig für meinen Geschmack. Und von den Weissen haben irgendwie ganz viele ein Eisbonbon verschluckt.

Das sind die Sieger:
🍋 Maispracher Riesling-Sylvaner 2018, Siebe-Dupf Kellerei, Liestal (Riesling-Sylvaner)
🍑 Pinot Gris 2018, Weingut Jauslin, Muttenz (weisse Spezialitäten)
🍓 Kluser Blauburgunder 2018, Weinbau Monika Fanti, Aesch (Blauburgunder)
🍒 Syydebändel Pinot Noir Barrique 2016, Verein Syydebändel (rote Spezialitäten)

Gratulation den Siegern und Kompliment an die Organisatoren!

Der geschickte Weisse vom Kaefferkopf

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Keine Kakerlake: Madame «Kaefferkopf» sorgt trotz Rundungen für ordentlich Erfrischung.

Geschickt. Ein elegantes Wortspiel mit dem Namen des Weinguts würde sich sicher gut machen hier. Doch ich gebe mich lieber dem Gaumenspiel des Weins hin. Im Glas glänzt strohgelb, fast goldig, der Kaefferkopf Alsace Grand Cru 2015 ebendieser Domaine Geschickt. Eine Assemblage aus Gewürztraminer, Riesling und Pinot Gris.

Es kitzelt. Der Auftakt ist prickelnd, wild und würzig. Dann wuchtig, fruchtig und cremig. Währenddessen wird dieser Birnen- und Aprikosenkuchen durchschnitten von einer vibrierenden Säure. Viele Eindrücke in wenig Zeit – und ein Abschied mit langem Nachhall, wuchtig wie das Donnergrollen einer Kanone. Ein Wein mit Wumms. Das Label sagt: 14,5 Volumen. Der Gaumen entgegnet: «Was? Der Cru ist doch so frisch!» Und der Streber frohlockt: «Willkommen im Elsass, wo die Weine wuchtig sind und trotzdem noch Säure haben. Im besten Fall zumindest. So wie bei diesem balancierten Biest.

Fertig Poesie. Fakten statt Floskeln. Die weisse Assemblage stammt vom Kaefferkopf bei Colmar. Obwohl der Weinberg bereits im 14. Jahrhundert im Grundbuch in Ammerschwihr festgehalten wurde, handelt es sich um die jüngste der 51 Elsässer Grand Cru-Lagen. Diese umfassen die besten Rebberge der Region. Seinen Namen hat der «Kakerlakenkopf» wegen der Form der Hügelspitze (war da etwa Alkohol im Spiel?). Ihren Charakter verdankt die Kakerlake vor allem aber diesem Terroir. Mit über einem Dutzend verschiedener Bodentypen gleicht das Elsass einem Mosaik, das seinesgleichen sucht.

Am Kaefferkopf sind das vor allem Granit, Kalk, Ton und dieser rot schimmernde Sandstein, aus dem die nahegelegene Hochkönigsburg gebaut wurde. Prägend ist auch die sonnige Hanglage im Osten der Vogesen. Die Bergkette sorgt dafür, dass sich die vom Atlantik kommenden Regenwolken auf der anderen Seite dieser natürlichen Barriere ausweinen. Dank dieser trockenen Lage arbeiten im Elsass besonders viele Winzer biologisch oder – wie bei der Domaine Geschickt – biodynamisch.

Assemblage als Ausnahme

Die Trauben vom Kaefferkopf dürfen sich ausnahmsweise auch als Assemblage mit dem Grand Cru-Siegel schmücken. Normalerweise werden die Elsässer Spitzenweine sortenrein abgefüllt. Das Exemplar aus dem Hause Geschickt – es duftet nach gelbem Steinobst, Honig und hellen Gewürzen – spiegelt ziemlich genau die Machtverhältnisse der gesamten Kaefferkopf-Lage wieder: 10 Prozent Pinot Gris, 30 Prozent Riesling und 60 Prozent Gewürztraminer. Gewürztraminer! Diese typische Elsässer Sorte, die oft so süss-säuselnd daher gestöckelt kommt wie eine Dragqueen mit kitschigem Rosen-Parfüm.

Hier nicht! Hier gibt’s einen schönen Mix aus Power, Würze, Frische und Frucht. Eine Wucht, diese Kakerlake. Ich genehmige mir einen Schluck und summe dabei «La Cucaracha» zu Ehren der Macher dieses Grand Crus. Geschickt gemacht!

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Der Müller mit dem Baseballschläger

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Klatsche statt Kitsch: Der Blanc Nature 2017 von Adrian Hartmann hat Swag, Schwung und Struktur.

Ein Müller aus dem Aargau. Klingt bieder? Dann stelle man sich vor, wie einem dieser Müller voll in die Fresse gibt! Nix bieder, eher Baseballschläger. Schöner Schock. Man ist verblüfft von der Energie dieser Klatsche. Von der Energie, die freigesetzt wird, wenn ein Klischee zersplittert und einem eiskalt ins Gesicht geklatscht wird wie der Bodensatz einer Champagnerschale.

Als möchte man eine Schublade öffnen und es fällt einem ein Schrank auf den Kopf. Ein Kühlschrank voller Weisswein mit ungewöhnlich kupferner Farbe. Das ist der Müller. Auch bekannt als Müller-Thurgau oder Riesling-Sylvaner. Dieses Exemplar müsste allerdings eher Müller-Aargau heissen – die Reben wachsen im Schenkenbergertal bei Aarau – oder Müller-Radau. Denn der Blanc Naturel 2017 von Adrians Weingut wirkt neben seinen Artgenossen wie ein Rowdy – einer mit Baseballschläger.

Unkomplizierte Frucht? Vergiss es! Anspruchsloses Sommer-Weinchen? Denkste! Easy drinking? …wir kommen der Sache schon näher. Dieser Müller ist leicht zu trinken, aber schwer zu verstehen. Seine Leichtigkeit hat der kantige Kerl vor allem seiner Frische zu verdanken, dieser Kräuterwürzigkeit, die an Grüntee oder Brennnessel erinnert. Die angenehm herbe Note zieht sich durch vom ersten Schnuppern bis zum letzten Schluck. Schuld daran ist der Gerbstoff. Bei Rotwein würde man von Tannin sprechen. Aber der Dude hier ist ja weiss. Wo kommen da die Gerbstoffe her?

Die Kupferfarbe lässt es erahnen: wir haben es mit einem Orange Wine zu tun. Ein Weisswein, der wie ein Rotwein gekeltert wurde. Maischevergoren ist das Zauberwort. Der Most wurde nach der Ernte nicht sofort abgepresst, sondern zusammen mit den Traubenhäuten und Kernen, vermutlich auch mit den Stielen, vergoren. In dieser Zeit werden, wie beim Rotwein, Gerbstoffe extrahiert. Deshalb auch die satte Farbe.

Winzer unter sich: Adrian Hartmann (r.) und Andrin Schifferli an den Schweizer Weintagen.

Wer gerne einen Fruchtsalat im Glas hat, duckt sich besser, wenn der Baseballschläger angeflogen kommt. Dezente Anklänge von Mandarine und Orangenschale sind dennoch auszumachen. Das Geile an diesen orangen Dingern: Sie haben die Struktur eines Rotweins. Das macht sie zum guten Essensbegleiter – funktioniert wunderbar zu Spargel-Erdbeer-Risotto. Ausserdem entwickeln sich die Weine mit zunehmender Belüftung, Temperatur und Zeit – meist locker über mehrere Tage. So hat man mehrere Weine in einem: Zunächst ein feingliedriger Jüngling, gekühlt und frisch entkorkt. Später ein stramm strukturierter, kräftiger Kerl mit immer intensiver werdender Aromatik und Farbe.

Zu verdanken haben wir diesen Wein Adrians Weingut. Der Adrian heisst nicht Müller sondern Hartmann. Adrian Hartmann. Er führt das vom Grossvater gegründete Gut seit 2016. Ab der kommenden Ernte tragen seine Crus das Biodynamie-Label Demeter. Die elegante Frische, die Adrians Blanc Naturel hier offenbart, zieht sich übrigens durch sein ganzes Sortiment – schwungvoll wie ein Baseballschläger vor dem Homerun.

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Der Apfel fällt nicht weit vom Rebstock

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Sag Riiiesling: Der Rheinriesling von Markus Ruch kann sich auch ennet der Grenze sehen lassen. Im Hintergrund grünt ein Cidre-Baum.

Dieser Riesling! Frisch und vibrierend wie ein Bergsee. Man würde sich am liebsten reinlegen. Der See müsste irgendwo in Deutschland oder Österreich liegen – bei den Königen des Rieslings. Aber der hier stammt aus der Schweiz! Seine Hood heisst Klettgau bei Schaffhausen. Und der See ist ein Bergbach – der Rhein.

Eingeklemmt zwischen dem Rheinfall und der deutschen Grenze wachsen die Reben von Markus Ruch. Einen Namen gemacht hat sich der Winzer vor allem mit seinen unverschämt guten Pinot Noir. Das Potenzial dieser Rebsorte, im Zusammenspiel mit den kalkhaltigen Lehmböden des Klettgau, hat Ruch 2007 dazu bewogen, sich nach seinen Wanderjahren im «Blauburgunderland» niederzulassen.

Scharf wie Rasierklingen

Ruch ist einer der wenigen Schweizer Riesling-Winzer. Und mit diesem Exemplar kann er den Königen jenseits der Grenze durchaus die Krone streitig machen. Weil in der Schweiz bei der Sorte aber viele immer noch an Riesling-Silvaner denken, betitelt Ruch seinen Cru wohlweislich als Rheinriesling. Riesling-Silvaner hat nämlich nix mit Riesling zu tun. Darum nennt man dieses Irrwesen heute oft Müller-Thurgau.

Einen solchen hat Ruch ebenfalls im Sortiment – ausgebaut in der Ton-Amphore. Vorerst beschäftigen wir uns aber mit seinem Riesling. Dieser zeigt sich von einer frischen, zitrusfruchtigen Seite. Plus Kräuterwürze und Mineralik. Die Säure schneidet besser als meine Rasierklingen. Vitales Kerlchen. Und knackig: Auch etwas Granny Smith ist auszumachen. Die Apfel-Assoziation ist oft typisch für Riesling. Ich verwende sie hier aber vor allem als perfekte Überleitung zu Ruchs neustem Projekt – der Mosterei Oswald + Ruch.

Look at the Lineup: Links die Pinots, rechts die Cidres – und dazwischen der Riesling.

Zusammen mit seinem Freund Benjamin Oswald hat Ruch vor zwei Jahren damit begonnen, aus den Früchten vernachlässigter Apfel- und Birnenbäume prickelnde Obstweine mit wenig Alkohol zu keltern. Cidre! Als Winzer in «Mostindien» liegt das auf der Hand. Mit ihrem Engagement unterstützt das Duo nicht nur das Überleben rarer alter Hochstamm-Sorten – sie engagieren sich auch für die Biodiversität. Denn Monokultur ist Gift für die Artenvielfalt. Ein Aspekt, der beim Weinbau viel zu oft ignoriert wird. Nicht aber bei Oswald und Ruch. Dank erfolgreicher Crowdfunding-Aktion können sie ihr Start-up nun vorantreiben. Mit seiner Diversifizierung verringert Ruch auch das Klumpenrisiko, das man als Winzer mit sich trägt – etwa bei Spätfrost oder Hagel, die innert Stunden einen ganzen Jahrgang killen können.

Ob Riesling, Cidre oder Amphore – für Ruchs Pinots habe ich am meisten Amore. Es sind die Blauburgunder, die mich regelmässig niederknien lassen. Mein Erweckungserlebnis hat mir ein 2014er aus der Hallauer Haalde beschert. Nachdem ich den geöffneten Pinot Noir vier Monate im Kühlschrank vergessen hatte, präsentierte sich dieser danach im Glas immer noch mit einer sagenhaften Strahlkraft. Das hat mich mindestens so verblüfft wie die Fliege, die mit ins Glas geflutscht ist – so ist das mit der Biodiversität.