Fuck Frost!

Schlagwörter

, , , ,

Am 9. April habe ich über das raketenmässige Erwachen der Reben frohlockt. In der Nacht auf den 20. April sind nun viele der kleinen Raketen abgestürzt, verglüht in einer eisigen Frostnacht. Vor allem den Cabernet Jura abseits der Hauswand hat’s arg erwischt.

Verglichen mit den vielen Winzern in ganz Europa, deren Lage zum Teil dramatisch – und noch lange nicht ausgestanden – ist, kann ich mich als Hobby-Winzer natürlich nicht beklagen. Dann gibt’s im Herbst halt weniger Essig.

Die Bilder und Meldungen, die aktuell fast im Minutentakt im Netz landen, zeigen ein dramatisches Bild. Vielerorts drohen massive Einbussen, im schlimmsten Fall sogar ein Totalausfall. Es scheint, als ist die Lage noch dramatischer als Ende April 2016. Und damals war der Spätforst für viele Winzer nur der Vorbote für ein Rebjahr, das verschissener nicht hätte verlaufen können: Auf den Frost folgte ein nasskalter Frühling, der sich bis in den Sommer hinzog, damit verbunden massiver Pilzdruck, und mancherorts gaben vor der Ernte Hagelstürme den Reben noch den Rest. Der goldene Herbst sorgte zwar grösstenteils für eine versöhnliche Ernte – jedoch nur qualitativ. Mengenmässig waren die Einbussen nicht selten happig. Wenn sich nun bereits im April 2017 erneut ein Mini-Ertrag abzeichnet, könnten die Sorgen für gewisse Produzenten durchaus existenziell werden. Mosel-Winzer Matthias Knebel hat recht: «Fuck Frost!»

Bleibt zu hoffen, das der Spätfrost in dieser Nacht nicht nochmals so gnadenlos zuschlägt. Und dass das restliche Rebjahr versöhnlicher verläuft als in der ersten Hälfte 2016. So oder so können die Winzer unsere Hilfe gebrauchen – zum Beispiel indem wir ihre Weine kaufen, trinken und zelebrieren.

 

Von Schönwetterwinzern und Marketingfloskeln

Schlagwörter

, , , , ,

Floskeln sind die Pestbeulen der Kommunikation. Im Fussball, in der Politik und auch in der Weinwelt. Überschwängliche Jubelgesänge schaden der Glaubwürdigkeit einer ganzen Zunft. Dabei haben viele Winzer viel mehr auf dem Kasten – und zu sagen.

170323_Bonvinvant_Ernte_Rebschere_Symbolbild_web

Ernte gut alles gut? Nicht immer. Insbesondere in schwierigen Jahren gibt es zu oft rosa Wolken statt wahre Worte.

Der inflationäre Gebrauch von Floskeln beim Anpreisen von Weinen – vor allem des neusten Jahrgangs – erweckt oft den Anschein einer heilen Postkartenwelt, in der glückliche Winzer durch ihre Rebberge schlendern und im Einklang mit Natur und Kosmos Zaubertränke keltern, die jedem Wein- freund eine Offenbarung sind. Guter Wein entsteht im Rebberg, dieser ist natürlich bio, aber nicht zertifiziert, im Keller wird der werdende Wein nur noch begleitet, und der aktuelle Jahrgang ist, wie immer, hervorragend. Alles rosa. Doch wenn alles herausragend ist, ist nichts herausragend.

So idyllisch, wie uns das manche Winzer, PR-Agenturen oder Medien weismachen wollen, ist die Lage meist nicht. Die Ökobilanz im Weinbau ist nicht so rosig, wie es die sanft im Wind wiegenden Reben vermuten lassen. Chemikalien werden gespritzt, Kunstdünger wird ausgebracht, als Gärungs-Turbo gibt’s auf Fleischabfällen gezüchtete Reinzuchthefen, geschwefelt wird mit einem Nebenprodukt der Erdölproduktion, und wer seinen Wein schönen will, kann mit Hühnereiweiss oder Fischblase Klarheit schaffen. Das hat wenig mit Weinromantik zu tun, ist aber in vielen Betrieben normal. Das ist nicht unbedingt verwerflich, sondern Alltag.

Wein-Schönsprech schadet der Credibility!

Was aber sauer aufstösst, ist das Marketing-Trugbild, dass selbst der trivialste Supermarktwein wie von alleine entsteht. Natur pur. Ein Elixier aus Sonne, Erde und Wasser, das am Ende nur noch abgefüllt werden muss. Klar, kein Winzer kann es sich leisten, zu sagen: «War ein Scheissjahr, kauft lieber andere Weine.» Aber jedes magere Jahr mit blumigen Wortkonstrukten schönreden – das schadet der Glaubwürdigkeit. Vor allem wenn im Folgejahr (beim Verkauf des allerneusten Jahrgangs) die ungeschminkte Einschätzung ans Licht kommt und der Winzer plötzlich frischfröhlich über die Mäkeleien des (inzwischen verkauften) Vorjahres plaudert.

Nicht jeder Weintrinker hat das Wissen oder die Muse, um zu erkennen, was bleibt, wenn der rosa Vorhang fällt und Fakten statt Floskeln zählen. Dank Internet hat heute zwar jeder mit wenigen Klicks Zugriff auf Zehntausende Weinbewertungen und Verkostungsnotizen. Verloren im endlosen Weinuniversum ist man aber nach kurzer Suche oft gleich schlau wie vorher. Aber es gibt immer mehr Winzer, die via Social Media einen fundierten Einblick in ihre Arbeit bieten. Auch in den weniger glorreichen Alltag abseits goldener Ernteszenen. Da wird auch mal ein Zuckersack in die Kamera gestreckt. Oder ein Winzer zeigt in einem verwackelten Handyvideo seine frisch vom Hagel zerstörten Rebtriebe.

Direkter Draht statt Floskeln

Der Konsument soll ruhig wissen, dass Weinmachen kein Zuckerschlecken ist. Winzer-News, straight aus dem Rebberg. Der direkte Online-Draht zu den Weinproduzenten macht uns nicht nur unabhängiger von Wein- PR und kitschigen Klischees – er emanzipiert die Winzer auch von der Deutungshoheit durch aussen. Authentizität, Einzigartigkeit, Mut und Originalität werden so – neben professionellem Handwerk als Basis – zum Motor einer Branche, deren Macher heute so gut ausgebildet und vernetzt sind wie nie zuvor. Auch deshalb, das darf man nicht vergessen, häufen sich die Jubelmeldungen. Sehr viele Winzer verrichten sehr gute Arbeit. Sie haben es nicht nötig, sich von Phrasendreschern weichwaschen zu lassen. Auch nicht von trittbrettfahrenden Produzenten, die sich die gängigen Floskeln ebenfalls angeeignet haben. Sie strecken ihr Vokabel-Fähnlein in den Fahrtwind der Vorreiter, ohne wirklich nach deren Philosophie zu arbeiten. Damit schaden sie nicht nur jenen, die den Karren effektiv ziehen, sondern der ganzen Zunft.

Umso schöner, dass viele Winzer heute kein Weinblatt vor den Mund nehmen und zeigen, welcher Aufwand hinter einem guten und nachhaltig produzierten Wein steckt. Sie lehren uns, Unterschiede zu schätzen und anzuerkennen. Auch «schwache» Jahrgange verdienen Aufmerksamkeit… aus Trotz, aus Prinzip – und weil sich Prognosen sowieso nicht so einfach verallgemeinern lassen. Dafür ist Mutter Natur, ist Wein, zu launisch. Erfreuen wir uns an ihren Überraschungen und ihrer Magie. Sie sind das Gegenteil der glattgebügelten Floskeln.

Dieser Artikel ist erstmals in der VINUM-Ausgabe 01-02/2017 erschienen.

Wenn Amarone, dann so

Schlagwörter

, , , , , , , , , , , , , ,

vaona_amarone_paverno_2012_web

Azienda Vitivinicola Vaona: Amarone della Valpolicella DOCG Paverno 2012

Das Schöne an der Gestaltung einer Weinkarte ist, dass man sich auf Gewächse einlässt, denen man als Gast keine Chance geben würde. Amarone? Was will ich mit so einem fetten Brummer? Umso schöner, dass ich bei der Weinauswahl für’s Restaurant Mamma Mia auf diesen straffen Amarone gestossen bin – ein Wein mit Fleisch am Knochen und dem nötigen Rückgrat, um für eine schöne Balance zu sorgen. Von wegen plump!

Der Amarone della Valpolicella DOCG Paverno 2012 überzeugt mit opulenter dunkler Beerenfrucht und Aromen von Himbeere, Zwetschgenkompott, Sauerkirsche sowie Lakritz, mit der Zeit auch reife Erdbeere, leicht marmeladige Nuancen (aber eben nicht zu aufdringlich), dahinter eine feiner Schuss Muskatnuss und Nelke; sehr rund mit gut eingebundener, straffer Säure und ebenso satten Tanninen. Ein Amarone mit runder Frucht und strammer Struktur, die den Alkohol wunderbar abfedert. So einen Kraftprotz darf zwischendurch gern im Glas landen. Vor allem auch als schöner Essensbegleiter.

Der Paverno wächst im Herzen des norditalienischen Valpolicella-Gebiets. Die rote Cuvée aus den traditionellen Amarone-Sorten Corvina (40%), Corvinone (30%), Rondinella (25%), Molinara (5%) stammt vom Familienbetrieb Azienda Vitivinicola Vaona. Die Trauben wurden handgelesen, drei Monate auf Holzgittern angetrocknet und sorgfältig vinifiziert.

Der allererste Wein am Rhein

Schlagwörter

, , , , , , , , , , , ,

Sie kommen aus Graubünden. Ihr Weingut steht in Katalonien. Doch nun haben sie eine uralte Reblage in ihrer Heimat wiederbelebt – in einem Klima, dass im krassen Kontrast steht zu ihrem Spanien-Projekt. Grund genug für einen Besuch bei Hannes, Martin und Aron Candrian in Sagogn. Das Trio bewirtschaftet seit Kurzem den allerersten Rebberg am Rhein, der bis zu seiner Mündung unzählige weltbekannte Weinregionen wie Elsass, Baden oder das Rheingau durchfliesst.

161212_resvegl_sagogn_web

Sonne, Schnee und neu auch ein Weinberg – Panoramablick über Sagogn (GR).

Im Herbst 2016 wurde im kleinen Bündner Bergdorf Sagogn der erste Wein am Rhein geerntet. Geografisch betrachtet, versteht sich. Hier, rund 50 Kilometer unterhalb der Rheinquelle(n), nur einen Spaziergang entfernt vom Skigebiet Flims/Laax, wachsen 300 pilzwiderstandsfähige Solaris-Rebstöcke. Sie wurzeln im kargen Kalkboden eines uralten Schuttkegels, in den der Rhein imposante Schluchten hineingefressen hat.

«Wir spielten schon länger mit dem Gedanken, in Sagogn wieder Wein anzubauen», erklärt Aron Candrian. Der Forstwart und Marketingfachmann steht inmitten der Jungreben, die er 2012 in seinem Heimatdorf gepflanzt hat – zusammen mit Vater Hannes und Bruder Martin. «Je mehr ich die Geschichte erforschte, desto spannender wurde es», erklärt Aron Candrian und berichtet von einem Testament von Bischof Tello aus dem Jahr 765. Es ist der erste von mehreren Nachweisen zur Weinbaugeschichte in Sagogn. Jetzt, über 1250 Jahre später und nach langer Durststrecke, wächst hier wieder Wein am Rhein.

Er trägt den rätoromanischen Namen Resvegl – Wiedererweckung. Mitschuld an der Erweckung hat auch das katalonische Weingebiet Priorat. Und Bruder Martin. Dieser betreibt eine Weinhandlung in Chur. Infiziert vom Weinvirus hat Martin 2005 mit Bruder Aron und Vater Hannes im Nordosten Spaniens ein Weingut aus dem Dornröschenschlaf geweckt. «Ein Bauchentscheid», erinnert sich Martin Candrian. So kam das weinverrückte Candrian-Trio zu Mas Cantrio, dessen Razzmatazz sich in der Schweiz grosser Beliebtheit erfreut. Kein Wunder, lagern viele Flaschen der Priorat-Cuvée in Sagogns Dorfkern im Keller des Elternhauses.

Das Candrian-Trio: Hannes, Martin und Aron Candrian im Resvegl-Rebberg im Osten von Sagogn.

Das Candrian-Trio: Hannes, Martin und Aron im Resvegl-Rebberg im Osten von Sagogn.

Im Gegensatz zum Razzmatazz ist der Resvegl-Wein nicht im Handel erhältlich. Mit rund 120 Flaschen ist die Produktion viel zu gering. Vor allem aber sind die 400 Quadratmeter Piwi-Reben nicht im offiziellen Rebbaukataster aufgeführt. Der erste Wein am Rhein darf nur zum Eigengebrauch gekeltert werden. Eines Tages soll aber vielleicht auf der wiedererweckten Lage Bregl da Heida offiziell wieder Weinbau betrieben werden dürfen. «Wir nehmen uns Zeit und wollen nichts erzwingen», sagt Aron Candrian. «Zuerst müssen wir aber dafür sorgen, dass unser Wein gut wird.» Der Resvegl-Solaris schlummert 50 Flusskilometer unterhalb Sagogns in der Kellerei von Roman Hermann (mit ihm vinifiziert Candrian seinen Weisswein) in der Bündner Herrschaft, dem bekanntesten Weinbaugebiet der Deutschschweiz – zu dessen Terroirs ja vielleicht irgendwann wieder Sagogn gehört.

161212_resvegl_sagogn_web-3Dieser Artikel ist erstmals in der VINUM-Ausgabe 01-02/2017 erschienen.

Weisse Freshness aus Penedès

Schlagwörter

, , , , , , , , , ,

gramona_xarel-lo_font_jui_2014_web-quadrat

Cavas Gramona: Penedès DO Xarel.Lo Font Jui 2014

Da hat Kommissar Zufall wieder einmal beste Arbeit geleistet: Der Saumur-Chenin steht schon bereit als es klingelt und der liebe Nachbar mit einer Flasche Weisswein aus Penedès, Katalonien, vor der Türe steht. Au revoir Saumur…hola Xarel.Lo! Wie es zu diesem Wein-Segen kommt? Der Macher des Crus nächtigt im Hotel um die Ecke, weil im Anthroposophen-Tempel Goetheanum – zwei Ecken weiter – eine Biodynamie-Fachtagung stattfindet. Vorgestern war der Demeter-Winzer mitsamt Entourage in Myggelis Restaurant. Wenn ich das nur gewusst hätte!

Nun muss ich halt mit dem Wein vorliebnehmen: Ein Penedès DO Xarel.Lo Font Jui 2014 der Cavas Gramona. Und dieser Wein hat es in sich! Unglaublich expressive Nase. Agrumen im Überfluss, vor allem Zitronenzeste, daneben eine frisch-kühle Mineralik, die an nassen Stein erinnert – einen, den man sofort ablecken möchte. Mit der Zeit offenbaren sich auch reifere Aromen von frischem gelbem Steinobst und, ja, auch ein Hauch Gummi. Ist das Sortentypisch? Daneben etwas Orangenblüte, Kardamom, Safran und Heu – je länger je mehr. Ganz spannend! Im Gaumen sehr lebendig mit einer vibrierenden Säure und einer angenehmen Amertume im Abgang. Dass dieses weisse Wunder im Barrique vergoren wurde, zeigt sich in keinster Weise. Sehr schöner Tropfen. Trinkig. Putzt man mit seinen 12 Vol.-% in einer halben Stunde weg – alleine. Vielleicht sollte ich morgen mal an diesem Biodynamie-Treffen vorbeigucken. Findet ja fast vor der Haustüre statt.

Den Xarel.Lo Font Jui 2014 gibt es in der Schweiz bei Spanienweinonline.ch zu beziehen. Die vielgerühmten Gramona-Cavas gibts bei Smith&Smith.

Thomas Jost holt 92 Parker-Punkte nach Basel

Schlagwörter

, , , , , , , , , , ,

170112_bonvinvant_thomas_jost_archivbild_2015

Pinot-Perfektionist: Thomas Jost während der Ernte 2015 im Riehener Schlipf.

Drei Jahre nachdem Thomas Jost den Gemeinderebberg im Riehener Schlipf übernommen hat, erhält das Weingut Jost & Ziereisen seine ersten Spitzen-Bewertungen im amerikanischen «Wine Advocate» des weltweit berüchtigten Weinkritikers Robert Parker (Ausgabe 228):

92 Punkte für den Le Grand 2013
91 Punkte für den Le Grand 2014
90 Punkte für den Le Petit Rouge 2014

90 bis 95 Punkte bedeutet auf Parkers 100er-Skala: «An outstanding wine of exceptional complexity and character. In short, these are terrific wines.»

Damit hat Thomas Jost drei Crus – alles Pinot Noir – unter den 90 bestbewerteten Schweizer Weinen. Alle wurden vom «Wine Advocate» mit 90 und mehr Punkten bewertet. Das Spitzenresultat von 96-97 Punkten erzielt die legendäre Walliser Winzerin Marie-Thérèse Chappaz mit ihrem Grain per Grain Petite Arvine 2014. Die Übersicht der bestbewerteten Schweizer gibt’s hier.

Mit Blick die Winzerlaufbahn von Thomas Jost (u.a. Weingut Vollenweider, Mosel / Weingut Markowitsch, Niederösterreich / Weingut Ziereisen, Baden), sind seine positiven Resultate keine Überraschung, sondern eine Bestätigung seines Könnens – und seiner Ambitionen.

«Im Burgund behaupten sie gerne, dass die Jurakalk-Böden bei ihnen beginnen und hier enden – ich sehe das umgekehrt», sagte Jost bereits 2014 mit einem Augenzwinkern. Kurz zuvor hatte der damals 26-Jährige – zusammen mit Hanspeter Ziereisen aus Efringen-Kirchen (D) – den 3,2 Hektar grossen Gemeinderebberg von Riehen übernommen. Ich war damals für die Basler Zeitung unterwegs. Als ich Jost im Herbst 2015 für meine VINUM-Dreiländereck-Reportage erneut im Schlipf besuchte, meinte er mit Blick auf die Schweizer Pinot-Hochburg: «Wir sind näher am Burgund als die Bündner Herrschaft, nicht nur geografisch.» Und zu seinem stolzen Einstandspreis von 69 Franken für den Le Grand: «Wir wollen an Gantenbein ran und uns mit ihm messen – dazu stehe ich.»

Dabei hat Jost seine selbstbewussten Worte stets mit Respekt für die Mitbewerber ausgesprochen – sie dienten nicht der Kritik, sondern der Manifestation der eigenen Ziele. Und diesen ist der junge Fricktaler schon nach drei Jahren wesentlich näher, als das manche erwartet hätten. «Als Saucenwein ist der Schlipfer noch ganz gut gebrauchbar», schnödete ein Kommentarschreiber nach dem BaZ-Artikel 2014. Ein anderer Online-Troll redete von «jugendlichem Übermut» und «Selbstüberschätzung».

Nun, (nicht nur) Parker sieht das anders. In seinem Ranking ist der Le Grand 2013 von Jost & Ziereisen sogar knapp vor den besten Gewächsen des Weinguts Gantenbein aus Fläsch platziert – mit dem drittbesten Deutschschweizer Resultat. Wobei es mit solchen Rankings ja immer so eine Sache ist… Aussagekräftiger als die detaillierte Reihenfolge ist viel eher die Zusammensetzung der Topweine. Dass Jost gleich mit drei Weinen vertreten ist, zeigt, dass seine Crus bereits jetzt zu den besten ihrer Gattung gehören.

Auf den Süsswasserkalk- und Lehmböden im Schlipf wächst also Vielversprechendes heran. Vor allem wenn man sich nun vor Augen hält, dass der Le Grand 2013, mit dem Jost bei Parker abräumt, sein allererster Schlipf-Jahrgang ist – aus einem Übergangsjahr, durch das er die Reben seines Vorgängers Köbi Kurz hat begleiten dürfen. Den besagten Le Grand habe ich 2015 für VINUM so beschrieben:

Le Grand Pinot Noir 2013 | 18 Punkte | 2016 bis 2025

Bouquet von intensiver Kirschfrucht, reifer Johannisbeere und Brombeergelee, dazu dezent Pfeffer, Tabak und Vanille. Im Gaumen vielschichtig, mit konzentrierter Frucht und einer frischen Würze. Trotz ausgeprägten Tanninen im langen Abgang wirkt dieser saftige Pinot Noir sehr sanft und elegant.

Charakter, Raffinesse und Tiefe erhält der Le Grand unter anderem durch kleinbeerige, lockere Trauben, tiefe Erträge und die manuelle Lese in mehreren Durchgängen. «Es macht einen Unterschied, ob du die 500 Gramm Ertrag in grossen oder in kleinen Beeren hast», erklärt Jost. Auch im Keller ist Handarbeit angesagt: Damit die entrappten Beeren möglichst unversehrt im 2000-Liter-Holzgärständer landen, werden sie mit einem Gabelstapler hochgehoben statt gepumpt. So kommt es auch innerhalb der Beeren zu einer (Mini-)Vergärung und die Weine werden aromatischer, frischer, fruchtiger und saftiger. Vergoren wird spontan. Die Maischestandzeit dauert bis zu 6 Wochen. Gepresst wird während bis zu sechs Stunden in einer alten Korbpresse – natürlich von Hand. Nach 18 Monaten in der Barrique wird der Wein ungeschönt und unfiltriert abgefüllt.

170112_bonvinvant_thomas_jost_trauben_archivbild_2015

Dieses Jahr stösst ein zweiter «Grosser» zum Sortiment, ein weisser Le Grand: Im April oder August wird der erste Chardonnay in Flaschen abgefüllt – Jahrgang 2015. Burgund-Fan Jost hat die Sorte nach seiner Übernahme auf 13-jährige Merlot-Stämme aufgepfropft und im Folgejahr bereits den Ersten Chardonnay mit 99 Oechsle geerntet.

Es würde also nicht überraschen, wenn Thomas Jost beim nächsten Schweiz-Ranking des «Wine Advocate» auch mit einer weissen Burgundersorte vertreten wäre. Straight aus Basel-Stadt.

Anmerkung: Die Schweizer Weine für Robert Parkers «Wine Advocate» wurden von Stephan Reinhardt bewertet. Der deutsche Weinkritiker hat rund 200 ausgewählte helvetische Tropfen verkostet.

Ein Teil der bestbewerteten Schweizer Parker-Weine gibt es (zusammen mit vielen weiteren Weinen mit 90 und mehr Parker-Punkten) am 4. und 5. Februar im Zürcher Hotel Dolder Grand zu verkosten. Dies im Rahmen der internationalen Parker-Verkostungsreihe «A Matter of Taste – The Ultimate Wine Experience». Jost & Ziereisen werden nicht vertreten sein – ihre Weine gibt’s beim Basler Händler Paul Ullrich zu beziehen. Oder natürlich im Restaurant Mamma Mia Arlesheim.

170112_bonvinvant_thomas_jost_aussicht_archivbild_2015

Aussicht vom Riehener Schlipf in Richtung Basel.

Domaine Philippe Gilbert, Menetou-Salon AC Les Renardières 2012

Schlagwörter

, , , , , , , , , , ,

philippe_gilbert_menetou-salon_ac_les_renardieres_2012_web_quer_logo_insta

Ein schöner, biodynamischer Pinot Noir von der Loire: Vor dem weissen Schneetepich hebt sich das mittlere Rubinrot des Renardières 2012 noch schöner ab; würzig-fruchtige Pinot-Nase mit Aromen von Sauerkirsche, Kirschstein, weissem Pfeffer und frischen Kräutern (nach einem Tag offen bereits wesentlich zugänglicher, kurz nach dem Öffnen war er fast muffig); prägnante Säure, frische dunkle Frucht, deutliche Barriquewürze und straffe Tannine, leicht bitterlich – und etwas harsch – im lange anhaltenden Abgang. Ein schön saftiger Pinot, der am Tag nach dem Öffnen in der Nase besser und im Gaumen etwas ruppiger daherkommt. Dass die Trauben mit den Rappen vergoren wurden, und im Barrique ausgebaut wurden, ist deutlich erkennbar und gibt dem Wein einen frischgrünen Unterton.

Jeden Tag Wein? Ja, aber nicht ballern!

Schlagwörter

, , , , ,

170101_bonvinvant_champagner-geschosse_sabering

Peng, peng: Zwei Champagner-Geschosse aus der Silvesternacht. Sabering!

2017…jaaa! Vorsätze? Najaaa… Auch im neuen Jahr soll hier dem guten Wein und seinen Machern gehuldigt werden (zu denen ich mich leider nicht zählen kann). Und zwar intensiver als zuvor (oha…doch noch ein Vorsatz). Zum Jahresauftakt ein Kurzbeitrag zum Thema «Jeden Tag Wein»…

Da ist er wieder. Dieser Blick. Kalt wie die Trauben eines Eisweins – doch nicht so süss. Ihre Stirn liegt in Falten wie die Beerenhaut der Eisweintrauben. Sind es Sorgenfalten? Denkt sie, ich sei Alkoholiker? Kein Wunder, bei der heutigen Gesundheitshysterie. Es gibt Menschen, die posieren im Fitnessstudio ständig vor dem Selfie-Spiegel, um sich im Netz von ihrer Schokoladenseite zu zeigen. Andere posten lieber den Schnappschuss einer Weinflasche im World Wine Web. Ich gehöre zur zweiten Spezies, denn interessanter als meine Visage finde ich vergorenen Rebensaft. Dieser darf gerne täglich die Kehle runterrinnen. Schliesslich muss die Pulle nicht an einem Abend geleert werden.

Im Gegenteil. Ein guter Tropfen kann von Tag zu Tag neue Nuancen entwickeln und mich so durch die Woche begleiten, anregen, entspannen, verzücken. Ich meditiere lieber täglich zu einem Glas Wein, als am Wochenende eine ganze Kiste wegzuballern. Und danach ab zum Sport – Feinkost und Fitness müssen kein Widerspruch sein. Es geht um die Balance – wie bei gutem Wein. Also wird schwungvoll die Flasche entkorkt. Sie lächelt und streckt mir ihr Glas entgegen. Prost! Die Welt ist in Ordnung.

Dieser Beitrag ist im Sonderdossier «Jeden Tag Wein?!» der VINUM-Ausgabe 12/2016 erschienen.