Flüh verliert eine Gourmet-Perle

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Im Leimentaler Dörfchen verschwindet bald ein Gastro-Stern: Das Wirtshaus zur Säge zügelt nach Oberwil – in ein Lokal, das Feinschmeckern durchaus bekannt sein dürfte.

Die «Säge» wird zum «Schlüssel»: Sandra Marugg Suter und ihr Mann Felix Suter wirten ab Mai 2014 im ehemaligen «Viva!» in Oberwil. (Foto: Pino Covino)

Die «Säge» wird zum «Schlüssel»: Sandra Marugg Suter und ihr Mann Felix Suter wirten ab Mai 2014 im ehemaligen «Viva!» in Oberwil. (Foto: Pino Covino)

Seit über 20 Jahren empfangen Sandra Marugg Suter und ihr Mann Felix Suter Gäste im Wirtshaus zur Säge. Eine kleine aber feine Gaststube im Zentrum von Hofstetten-Flüh mit tiefen, von Holzbalken getragenen Decken, ausgezeichnet mit einem Stern im Guide Michelin und 17 Punkten im Gault Millau. 2014 zieht es die «Säge» näher zur Stadt: Ab Mai ist das Gastro-Paar Suter im altehrwürdigen Haus an der Hauptstrasse 41 in Oberwil anzutreffen. Dort, wo Ende Juli das Gourmet-Restaurant Viva! seine Türen schloss wegen unbefriedigendem Geschäftsverlauf. Das gescheiterte Lokal brachte es in dreienhalb Jahren auf 16 Millau-Punkte und einen Michelin-Stern – also fast in die Liga der «Säge».

Neuer Standort: Das ehemalige Viva in Oberwil.

Neuer Standort: Das ehemalige Viva in Oberwil.

«Wir sagten uns: Entweder machen wir jetzt so einen Schritt – oder nie mehr», sagt Sandra Marugg Suter. Nach über zwei Dekaden in Flüh freut sich die 44-Jährige mit ihrem Mann auf eine neue Herausforderung. «Dieses Restaurant hat uns schon immer sehr gut gefallen – und der Garten ist ein grosser Pluspunkt.» Entgegenkommen dürfte dem Paar auch, dass ihr neues Lokal rund sieben Kilometer näher an Basel liegt – damit halbiert sich für Feinschmecker aus der Stadt die Fahrzeit mit dem 10er-Tram auf rund eine Viertelstunde.

Die «Säge» wird zum «Schlüssel»

Grösste Neuerung wird der Restaurant-Name sein: Die «Säge» lassen Suters in Flüh, in Oberwil wird ihr Lokal «Schlüssel» heissen. Ein Titel, den das Haus bereits früher trug. «Wir finden, dass dieser Name sehr gut zu diesem Restaurant, zu Oberwil und zu uns passt», erklärt Marugg Suter in einem Berndeutsch, das jedem Gast das Herz öffnen dürfte. Bestehen bleibt die Philosophie: Eine Speisekarte wird es auch in Oberwil keine geben, dafür ein regelmässig wechselndes Menu mit frischen Zutaten und der Fokussierung auf das Wesentliche. «Verfeinerung des Einfachen», nennt das Ehepaar sein Konzept, das auch Gastro-Kritiker Jahr für Jahr überzeugt.

Noch bis Mitte April offen: Das Wirtshaus zur Säge in Flüh.

Noch bis Mitte April offen: Das Wirtshaus zur Säge in Flüh.

Trotz grosszügigeren Platzverhältnissen will man sich weiterhin mit 10 Tischen begnügen. «Wir sind überzeugt, dass unser Konzept auch am neuen Ort gefallen wird – wir bleiben auf dem Boden», meint Marugg Suter. Die Gastgeberin freut sich besonders darüber, dass das ganze zehnköpfige Team mitzieht. «Wir verlassen Flüh mit einem lachenden und einem weinenden Auge – es war ein wunderschönes Zuhause.» Mitverantwortlich für den Wegzug sei auch die baulich unklare Situation in Flüh. In der Umgebung des Restaurants Säge wird in naher Zukunft viel gebaut.

Martin bedauert den Wegzug

Wie es mit dem Wirtshaus nach dem Wegzug der jetzigen Gastgeber Mitte April 2014 weitergehen wird, ist noch unklar. Gut möglich, dass die «Säge» von neuen Gastgebern weiter betrieben wird. Sicher ist aber: Gourmets kommen in Flüh auch weiterhin auf ihre Kosten. Werner Martin, der nur einen Steinwurf von der «Säge» entfernt seine Gäste im Restaurant Martin bekocht, hält nach 25 Jahren weiter die Stellung – auch wenn er in einem BaZ-Artikel im Mai laut über einen langsamen Rückzug nachgedacht hat. «Alles bleibt, wie es ist – der Martin ist noch immer hier», sagt der mit 16 Gault-Millau-Punkten ausgezeichnete Koch.

Martin erfährt erst durch die Basler Zeitung vom Wegzug der «Säge». Er bedauert den Entscheid: «Ich finde es sehr schade, dass die Säge wegzieht». Die Situation mit zwei Gourmet-Lokalen im 3000-Seelen-Dorf Hofstetten-Flüh erlebt Martin als belebend. «Je mehr gute Restaurants es gibt, desto besser geht es allen.»

Dieser Artikel erschien erstmals am 13. Dezember 2013 auf bazonline.ch.

«St. Albaneck» erstrahlt in neuem Licht

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Das Traditionslokal in der St.-Alban-Vorstadt ist unter neuer Leitung wiedereröffnet worden. Wir haben dem Restaurant einen Besuch abgestattet.

Junge Gastgeber: Olivia Stuber und Lukas von Bidder sind die neuen Gesichter im «Dalbenegg».

Junge Gastgeber: Olivia Stuber und Lukas von Bidder sind die neuen Gesichter im «Dalbenegg».

Zehn Minuten nachdem die ersten Gäste das wieder eröffnete Traditionslokal St. Albaneck betreten, steht bereits hoher Besuch an: Anton Lauber, Baselbieter Regierungsrat und Finanzdirektor, hat soeben die frisch renovierte Stube betreten. Er setzt sich an einen der neu gebeizten Holztische, um in einer illustren Runde aus Politik und Wirtschaft zu dinieren. Rotwein sucht man vergebens auf den Tischen – es ist Mittagszeit. Coke Zero und das kostenlose Wasser aus der Karaffe dominieren das Geschehen.

Hell ist es, im frisch renovierten Restaurant St. Albaneck. Die Vorhänge an der Fensterfront sind beseitigt, die Holzvertäfelung aufgehellt worden und an der Decke bilden runde Lampen einen Himmel aus leuchtenden Monden. «Wir wollten uns öffnen, man soll hineinblicken können», sagt der neue Geschäftsführer Lukas von Bidder. Unter der Leitung des 37-jährigen Baslers ist das Lokal neu konzipiert und dezent aufgefrischt worden.

Selbstgebackenes Brot zum Salat

Bei der Eröffnung am Montag war das Lokal bereits über Mittag gut besucht. Ein Menü kostet 20 bis 24 Franken – abends wird es gediegener mit Preisen ab 30 Franken pro Hauptgang. Die Karte ist klein, fein und saisonal ausgerichtet, im Weinkeller geben italienische Tropfen den Ton an. Als ­Küchenchef konnte Henning Prahl, bekannt vom «Höfli» in Pratteln, gewonnen werden. Zum Salat des Mittagsmenus wird frisches, selbstgebackenes Brot serviert. Es folgt ein Zanderfilet, das begleitet von Butter und Korianderpesto wunderbar auf der Zunge vergeht; die Ofenkartoffeln könnten gerne etwas weniger Biss haben.

«Wir wurden gut aufgenommen», freut sich von Bidder über die ersten ­Reaktionen aus dem Quartier. «Es herrschte von Anfang an eine sympathische und Atmosphäre – so etwas kann man nicht kaufen», ergänz Olivia Stuber, Gastgeberin neben von Bidder. Vom gelungenen Einstand zeugen auch die imposanten Blumengestecke auf den ­Tischen – Willkommensgeschenke von Anwohnern und aus den umliegenden Geschäften.

Betreiber-Wechsel mit Nebengeräuschen

Mit seinem Engagement in der St.-Alban-Vorstadt tritt der zuletzt in Luzern tätige Lukas von Bidder die Nachfolge von Andreas Plüss an, der 15 Jahre lang im «Dalbenegg» wirtete und dessen Abgang nicht ohne Nebengeräusche über die Bühne ging: Plüss musste den Betrieb nach wirtschaftlichen Problemen aufgeben. «Für mich ist es ein Traum und eine Herausforderung, in so einem Traditionslokal etwas Neues zu gestalten», sagt von Bidder, der mit Eigentümerin Susanne Andreetti-Krayer befreundet ist. Die Idee sei im Dialog entstanden. «Ich hatte die Vision und sie die Infrastruktur», sagt von Bidder.

Der ausgebildete Hotelier und Gastronom ist nicht nur der konzeptionelle Kopf des neuen «St. Albanecks», er begegnet seinen Gästen auch im Service. «Es ist mir wichtig, an der Front zu sein und im Gespräch mit den Gästen zu stehen», sagt von Bidder. Dass er auf Anhieb auf viel Wohlwollen stösst, freut den Gastgeber besonders. «Wir fühlen uns jetzt schon als Teil der Dalbe.»

Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal am 4. Dezember 2013 in der Basler Zeitung.

Hier strahlen die Michelin-Sterne 2014 in der Region Basel

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Suisse2_OK.inddDie Feinschmecker der Gastro-Bibel Guide Michelin haben heute ihre Gourmet-Sterne für 2014 präsentiert. Hier die Übersicht aller regionalen Sterneküchen.

Zwei Sterne **
Cheval Blanc, Grand Hotel Trois Rois, Basel
Stucki, Basel

Ein Stern *
Osteria Tre, Bubendorf
Bel Etage, Basel
Matisse, Basel
Wirtshaus zur Säge, Flüh

Stern gestrichen
Viva, Oberwil (Grund: Lokal geschlossen)

Kann sich über seinen ersten Michelin-Stern freuen: Flavio Fermi (2. v.l.), Küchenchef der Osteria Tre in Bubendorf, mit seinem Küchenteam.

Kann sich über seinen ersten Michelin-Stern freuen: Flavio Fermi (2. v.l.), Küchenchef der Osteria Tre in Bubendorf, mit seinem Küchenteam.

Einen ausführlichen Artikel zum Thema gibts auf bazonline.

Elf aussergewöhnliche Tropfen an der Basler Weinmesse

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Auf Entdeckungsreise an der Basler Weinmesse: Dabei stiessen wir auf Exoten aus Mexiko und Libanon, einen plumpen Schauspieler aus Kalifornien, einen enttäuschenden G-Punkt und eine Walliser Whisky-Nase.

Coppola_Directors_Cut«Coppola, dieser alte Mafioso», lacht die Frau hinter der Theke und murmelt etwas von «…Grossvater bei der Mafia…» während sie eine Flasche Zinfandel Director’s Cut 2011 hervorklaubt. Der amerikanische Starregisseur Francis Ford Coppola produziert nämlich nicht nur Blockbuster wie «Der Pate» oder «Apocalypse Now», sondern auch Weine von ähnlicher Wucht. Wir befinden uns am Stand der Obrist SA, einer von rund 130 Weinhändlern- und Produzenten der diesjährigen Basler Weinmesse. Und Coppolas «Director’s Cut» ist einer von über 4500 Weinen, die noch bis am Sonntag in der Messehalle vier degustiert werden können.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Tropfen hat dieser Wein allerdings einen weltbekannten Paten, auch wenn die Arbeit in Rebberg und Keller selbstverständlich andere verrichten. Wie ist er also, der Zinfandel – die Sorte kennt man auch als Primitivo – von Coppola? Dezent in der Nase, wuchtig im Gaumen und die Etikette ist toll. Hinter der schönen Fassade ist der Wein leider viel zu eindimensional – wie ein schlechter Schauspieler. Weitere Degustations-Details gibts in der obenstehenden Bildstrecke.

Der Walliser Whisky-Winzer

Wir schlendern derweil weiter zum Walliser Winzer Andy Varonier am Stand der «Weininsel» Varen. Der blonde Hühne stand früher im Tor des FC Sion, nach einem Abstecher in die Teppichetagen der Privatwirtschaft hat er die Geschicke des Familienunternehmens übernommen. Michael Bahnerths BaZ-Artikel über das Wallis – dessen verkappte Liebesbotschaft in den Bergtälern als Schmähschrift missverstanden wurde – findet er super, schickt Varonier voraus, bevor er das Glas mit einer Flüssigkeit füllt, die von der Farbe her auch Wasser sein könnte. Weit gefehlt! Intensive Zitrusdüfte betören die Sinne, wie das hundert Hektoliter Bergwasser nicht könnten.

Nach ein wenig Luftkontakt folgen intensive Rauch-, Holz- und Vanillenoten. «Das ist der Wein mit der Whisky-Nase», sagt Varonier über diese weisse Assemblage namens «La Réglisse» und erzählt von seinem schottischen Kellermeister Jamie McCulloch, der den Weinen mit US-Eichenfässern einen rauchig-würzigen Hauch Heimat einflösst. Und plötzlich meint man, im Glas auch Torf zu riechen. 2009 machten der Schotte und der Ex-Goalie ihre erste «Whisky-Nase», inzwischen tüfteln die beiden sogar an der Weisswein-Lagerung in alten Whisky-Fässern. Die ersten Zwischenergebnisse sind mindestens so vielversprechend wie der Name unseres nächsten Weines: G-Punkt.

Der wuchtige Wein von Novartis – ja, Novartis

G-RED-Lantides-Estate-Agiorgitoko-2008Am Mykonos-Stand dann die Enttäuschung: Das «G.» auf der Etikette steht für «Greece», frivol ausformuliert wurde der Name durch den cleveren Schweizer Importeur. Abgesehen vom Namen ist der Wein allerdings kaum der Rede Wert. Ganz im Gegensatz zum «Pago Negralada 2010», einem erstklassigen Tempranillo aus dem spanischen Weingebiet Ribera del Duero. Hier sind weder Traube noch Herkunft aussergewöhnlich, sehr wohl aber das Weingut Abadia Retuerta. Dieses gehört nämlich niemand geringerem als der Novartis, wie Rolf Long am WeinHotel-Stand erklärt. Offenbar betreibt der Basler Pharma-Multi sogar eine eigene Importfirma, um seine Mitarbeiter in der Schweiz mit seinen spanischen Schätzen zu versorgen. Mit 89 Franken hat dieser opulente und dennoch geschmeidige Rotwein mit langem Abgang allerdings einen ziemlich stolzen Preis.

Da investiert man diese Summe lieber in zweienhalb Flaschen Château Musar Rouge 2005 aus dem Libanon. Sie haben richtig gelesen: Libanon! Das Land im Nahen Osten verfügt über eine Jahrtausende alte Weinbaugeschichte. Wenn die libanesischen Böden und das mediterrane Klima gepaart werden mit den Erfahrungen, die der Winzer in Bordeaux gesammelt hat, dann resultiert daraus ein Spitzenwein mit ganz eigenem Charakter von roten und schwarzen Früchten, wunderbar animalischen Noten und einem Abgang, den Flaschengeist Aladin kaum köstlicher aus der Wunderlampe hätte zaubern können.

Auf der Suche nach der Amourone-Dame

Zum Abschluss packt uns der Lokalpatriotismus und wir landen am Domaine-Nussbaumer-Stand des Aescher Winzers Nicolas Dolder, den wir 2011 bei der Ernte in der vorderen Klus begleitet haben und der mit dem «Amourone» ebenfalls einen ganz speziellen Tropfen vorzuweisen hat. Dolder ist zwar nicht der einzige Winzer aus der Region, der eine lokale Version des Valpolicella-Klassikers Amarone keltert, einzigartig ist allerdings die Geschichte dahinter: Bei einer Betriebsführung mit Wirtschaftsstudenten hat er vor nicht all zu langer Zeit angedeutet, dass er nach einem originelleren Namen für seinen Strohwein sucht.

Eine junge Frau schlug «Amourone» vor und traf damit mitten in Dolders Weinherz. Er würde der kreativen Studentin zu gerne zwei Kisten «ihres» Weins zukommen lassen – nur hat der Winzer ihren Namen bisher nicht herausgefunden. Nun steht der erste «Amourone»-Jahrgang – das Elixier getrockneter Diolinoir-Trauben – auf der Theke und verströmt Bonbon-ähnliche Aromen von Brombeere, Lakritz und Cassis. Im Gaumen gibt sich diese Fruchtbombe fast so dicht wie die Weinfülle in der Messehalle vier. Neben den eben vorgestellten Kuriositäten haben wir aus den über 4500 Tropfen weitere bemerkenswerte Weine herausgefiltert. Die Degustationsnotizen gibts in der Bildstrecke – geboten werden unter anderem ein Kampfmädchen aus Kalifornien, ein rassiger Mexikaner und eine Wundertüte aus Schengen.

Und jetzt – endlich – zum Wein-Countdown…

Francis Ford Coppola, Zinfandel Director’s Cut 2011, Kalifornien (27.40-)
Auf Platz 11 ein plumper Schauspieler: Der Regisseur von Filmklassikern wie «Der Pate» und «Apocalypse Now» macht nicht nur Blockbuster, sondern auch Weine. Zum Beispiel der Zinfandel Director’s Cut. Äusserlich überzeugt der Wein mit einer schön gestalteten, extravaganten Etikette, die sich zweimal um die Flasche schlingt. Weniger überzeugend ist dann aber das Bukett. Dafür, dass er unter der heissen Sonne Kaliforniens herangereift ist, gibt sich der Zinfandel (im «Paten» würde er Primitivo heissen) ziemlich zurückhaltend: schwarze Johannisbeere, Kirsche, that’s it. Im Gaumen wird es dann eindeutig wuchtiger: Ein voller Körper, Lakritz, Cassis, Pfeffer und ein fast endloser Abspann. Insgesamt ist dieser Rote fast zu plump – als würde man die Pate-Trilogie am Stück gucken. Und hinter der schönen Fassade zu eindimensional – wie ein schlechter Schauspieler.
Stand: Obrist SA (4.1/B21)

Domaine Lantides, G-Punkt Nemea 2008, AOC, Griechenland (35.-)
Platz 10: G-Punkt – was für ein Name für einen Wein! Leider hält der aus der autochtonen griechischen Rebsorte Agiorgitiko gekelterte Rotwein nicht, was er verspricht: Das Bukett riecht dezent wie ein frisch gewaschenes Unterhöschen, herb, etwas schwarze Frucht, vor allem Brombeere. Im Gaumen dominieren Säure und Tannine die Frucht. Etwas Lagerung dürfte dem Tropfen guttun. Der G-Punkt ist ein solider Wein, er befriedigt allerdings nur oberflächliche Wein-Gelüste, für einen önologischen Orgasmus reicht die Stimulation der Sinne hier nicht.
Stand: Mykonos GmbH (4.1/B26)

Kung-Fu_wine-52Charles Smith Wines, Riesling Kung Fu Girl 2012, Amerika (15.90-)
Charles Smith (r.) rauft sich auf Platz 9 die Haare: Ein Riesling aus Washington ist fast so selten anzutreffen wie ein Cowboy an der Mosel. In der Nase betören intensive Aromen von reifer Birne, Pfirsich und Ananas, der Duft von Apfel sogt für etwas Frische. Im Gaumen gibt sich das Kung Fu Girl zart, fast schon zu sanft. Hier wirkt der Riesling frischer als in der Nase, auch wenn ihm im Vergleich zu seinen deutschen Konkurrenten etwas die Säure und Mineralität fehlt. Dennoch: ein gut zu trinkender Wein, der einen nicht auf Anhieb ausknockt.
Stand: Paul Ullrich AG (4.1/C22)

Alain Graillot, Tandem, Syrah du Maroc 2010, Marokko (22.-)
Ein heisser Marokkaner mit Rhône-Charakter auf Platz 8: Eigentlich ist Syrah ja im nördlichen Rhônetal beheimatet. Bei diesem Experiment wird die rassige rote Sorte allerdings in der heissen Marokko-Region Meknèz-Fèz angebaut. Dank kühlen Nächten gelingt dennoch ein ausgewogener und raffinierter Wein. Erdbeere, Brombeere und Pflaume im Bukett, dazu animalische Noten; im Gaumen wird es dann würzig und pfeffrig. Die reife Frucht zeugt von der nordafrikanischen Hitze während die frische Säure die kühlen Nächte belegt. Ein vollmundiger Wein mit viel Tannin und langem, herbem Abgang. Ob man dazu Wasserpfeiffe rauchen kann?
Stand: La passion du Vin (4.1/B17)

C. Varonier & Söhne, La Réglisse 2012, AOC Valais (20.-)
Platz 7 für die Walliser Whisky-Nase: Die Assemblage aus Chardonnay, Riesling, Muscat und Malvoisie hat ein angenehmes Bouquet vom Zitrone, Grapefruit und Stachelbeere, dazu ein mineralischer Unterton und blumige Nuancen. Nach kurzer Zeit gesellen sich deutliche Rauch-, Holz- und Vanillenoten dazu – damit will der schottische Kellermeister Jamie McCulloch den Duft eines Whiskys ins Weinglas zaubern, was ihm erstaunlich gut gelingt. Plötzlich meint man auch Torf in der Nase wahrzunehmen. Im Gaumen präsentiert sich dieser farblich blasse Weisswein erstaunlich crèmig und vollmundig mit einer guten Säure-Struktur als Rückgrat, leichter Restsüsse und einem herben, langen Abgang.
Stand: Weindorf Varen (4.1/C09)

AA_5_EstrellasProyecto Firmamento, 5 Estrellas Tinto 2009, Mexiko (23.50-)
Platz 6: Ay Caramba, es gibt noch andere mexikanische Alkoholika als Tequila! Zusammengesetzt aus «5 Sternen», nämlich den Rebsorten Tempranillo, Garnacha, Cinsault, Merlot und Cabernet Sauvignon, verschmilzt dieser Tropfen die verbreitetsten Traubensorten von Spanien und des Bordelais (F). Und wie dort, findet man auch im 5 Estrellas deutliche Barrique-Noten wie Vanille und Tabak, dazu Leder, Brombeere und Pflaume. Im Gaumen wird es dann pfeffrig mit schwarzen Johannisbeeren, Erdbeeren und Brombeeren. Ein dichter und vollmundiger Wein mit vielen Gerbstoffen. Ohne seine exotische Herkunft würde es dieser solide Wein beim breiten Angebot der Weinmesse wohl eher schwer haben, aufzufallen.
Stand: Paul Ullrich AG (4.1/C22)

Domaine Ampeloeis, Malaguiza Ampeloeis 2012, Griechenland (24.-)
Auf Platz 5 ein autochtoner Weisswein (Malagousia) aus Griechenland: Die blumige Zitrus-Nase mit Grapefruit und Stachelbeere erinnert an einen Sauvignon Blanc – allerdings verfügt dieser Nordgrieche über weniger Säure. Dennoch kommt der Tropfen auch im Gaumen frisch daher mit herben Zitrusnoten. Ein solider Weisswein.
Stand: Mykonos GmbH (4.1/B26)

Domaine Nussbaumer, Amourone 2011, AOC Baselland (26.-)
Platz 4: Im Valpolicella dürfte sich dieser Tropfen Amarone nennen. Weil dieser Strohwein aus getrockneten Trauben aber aus der Aescher Klus kommt, heisst er Amourone. Gekeltert aus der Garanoir-Traube duftet diese Fruchtbombe in der Nase wie ein Bonbon aus Brombeere, Lakritz und Cassis. Ebenso im Gaumen, wo sich das rote Elixier wie erwartet sehr dicht und vollmundig präsentiert. Der Name Amourone stammt von einer Basler Wirtschaftsstudentin, die bei einer wohl feuchtfröhlichen Betriebsführung einen Geistesblitz hatte. Dafür hat sie sich zwei Kisten Wein verdient – sofern sich die Gute bei Winzer Nicolas Dolder meldet. Er hat nämlich ihren Namen nicht.
Stand: Domaine Nussbaumer (4.1/B19)

Schengen_messeDomaine Henri Ruppert, Sélection 12, 2011 Pinot Gris, Côteaux de Schengen, Luxemburg (24.50-)
Platz 3 geht an diese Wundertüte aus Luxemburg: Geographisch und klimatisch liegt das Schengener Weinbaugebiet gleich neben der Mosel. So verwundert es denn auch nicht, dass dieser dort angebaute Pinot Gris eher mineralisch-deutsch anstatt lieblich wie aus dem Elsass daherkommt. In die Nase steigen frische Zitrusnoten, Grapfruit und Stachelbeeren; im Gaumen präsentiert sich das Luxemburgerli trotz leichter Restsüsse frisch und mineralisch. Der volle Körper und der lange Abgang komplettieren den positiven Eindruck dieses speziellen Grauburgunders.
Stand: Weinhoteliers (4.1/A30)

Abadia Retuerta, Pago Negralada, Tempranillo 2010, VdT, Castilla y Leon, Spanien (89.-)
Tannine statt Pillen auf Platz 2: Pharma-Multi Novartis besitzt ein Weingut in der spanischen Weinregion Ribera del Duero und der Lagenwein Pago Negralada zählt zu dessen Flagschiffen. Reife rote und schwarze Früchte betören die Nase, Holz und Vanille zeugen vom Fassausbau. Im Gaumen sucht man vergebens nach medizinalen Noten, dafür dominieren Brombeere und Pflaume. Ein opulenter und doch geschmeidiger Rotwein mit langem Abgang. Und stolzem Preis.
Stand: Weinhoteliers (4.1/A30)

Château Musar, Château Musar Rouge 2005, Libanon (36.-)
Auf Platz 1 triumphiert die Überraschung aus Libanon: Diese im Bordeaux-Stil ausgebaute Assemblage aus Cabernet Sauvignon, Cinsault und Carignan ist eine Wucht. Intensiv in der Nase versprüht der Tropfen Aromen von Himbeere, Brombeere, sowie Barrique-Düfte wie Nuss, Vanille oder Toast; dazu gesellen sich Würze und animalische-muffige Noten wie Leder oder nasser Karton – nicht jedermanns Sache, aber in diesem Fall unwiderstehlich. Im Gaumen machen sich die für dieses Alter erstaunlich wilden und ausgeprägten Tannine sofort auf der Zunge bemerkbar, daneben schwarze Früchte wie Brombeere, Pflaume und Kirsche. Der Abgang ist ewig – fast wie die Weinbaugeschichte im Libanon. Spannend, gut – und im Vergleich zu ähnlichen Bordeaux-Tropfen geradezu billig.
Stand: La passion du Vin (4.1/B17)

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Dieser Beitrag wurde erstmals auf Bazonline veröffentlicht.

Ein Facebook für Wein-Freunde

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App_20.09.2013_IconDie Gratis-App «Vivino Wine Scanner» verhilft nicht nur beim beim Weinkauf zum Durchblick. Hier mein Review für die BaZ.

Logisch, auch beim Wein sind die inneren Werte entscheidend. Doch wie rückt man einer Neuentdeckung im Laden auf die Pelle? Etiketten helfen nur bei entsprechendem Vorwissen. Und spontan beim Grossverteiler eine Flasche entkorken – das gibt Hausverbot für den Trunkenbold.

Doch es gibt eine Hintertüre namens «Vivino». Eine Gratis-App, dank der man den Wein noch im Regal auf sein Innenleben durchleuchten kann: Etikett mit dem Handy fotografieren und innerhalb von Sekunden erhält man – bei gutem Empfang – einen umfassenden Steckbrief. Von Traubensorte über Servier-Tipps bis hin zum globalen Durchschnittspreis wird fast alles geliefert. Vorausgesetzt, der Tropfen wurde von «Vivino» oder deren Community erfasst. Bis jetzt sind das immerhin rund eine Million Weine.

App_20.09.2013_BildBeim Testlauf durch die Weinabteilung eines Detailhändlers hat die App sieben von acht zufällig ausgesuchten Weinen aus aller Welt erkannt. Nur der Riesling-­Sylvaner der Sissacher Kellerei Buess fiel durch die Maschen. Was aber auch am schlechten Handybild liegen könnte, wie die App belehrt.

Wer nun noch immer ratlos vor dem Regal steht, kann sich am Herzstück der App orientieren: Den Bewertungen der Vivino-Nutzer. Beim Shiraz aus Australien gibts ganze 458 Ratings auf einer Sterne-Skala von 1 bis 5. Dazu 25 Degustations-Notizen, mit denen sich aktive Wein-Freaks in diesem Facebook für Wein-Liebhaber profilieren können. Natürlich können die Bewertungen auch empfohlen und kommentiert werden. So profitieren Laien und Kenner gleichermassen vom gesammelten Wissen.

Zurück von der Ladentour dann die Überraschung: Per Mail teilt das Vivino-Team mit, dass der Buess-Wein inzwischen manuell identifiziert werden konnte. Das hätte man nicht erwartet.

Dieser Artikel erschien erstmals am 20. September 2013 in der Basler Zeitung.

Von der «Lastwagenbeiz» zum Gourmetlokal

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Im Landgasthof Talhaus in Bubendorf wird wieder gekocht – und zwar vom Ex-Küchenchef der benachbarten Osteria Tre. Wir haben Gianluca Garigliano kurz nach der Neueröffnung getroffen und mit ihm über den bewegten Neustart geredet.

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Bekannte Gesichter in Bubendorf: Das Pächterpaar Gianluca und Illijana Garigliano führt neu den Landgasthof Talhaus.

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Himmel und Hölle im Schwarzwald

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Himmlisch: Das Parkhotel Adler in Hinterzarten.

Himmlisch: Das Parkhotel Adler in Hinterzarten.

Himmel und Hölle liegen manchmal dicht beeinander – so wie Titisee und Hinterzarten. Die Ortschaften im Schwarzwald trennt eigentlich nur ein Hügel, ein Moor und, natürlich, ein dichter Tannenwald. Und doch liegen Welten dazwischen. Titisee kommt daher wie die Karikatur eines deutschen Postkarten-Dörfchens: Zwischen historischen Bijoux finden sich viele hässliche Häuser und Hotels und die Fussgängerzone wird dominiert von Souvenir-Läden mit dem Kitsch, den es an Orten mit vielen Senioren und Japanern halt so zu kaufen gibt.

Auch die meisten Restaurants lassen stilbewusste Menschen erschaudern: Touri-Fressbuden, die den verstaubten Charme einer Autobahnraststätte versprühen. Mit Massenabfertigung und Sitzgarnituren aus Stoff, den unsereins nicht einmal als Duschvorhang dulden würde. Der Tiefpunkt: Das NPD-Plakat beim Bahnhof: «Geld für die Oma statt für Sinti und Roma». Omas hat es jedenfalls genug in Titisee – Junge sind eher selten anzutreffen. Ebenso vernünftig gekleidete Menschen.

Aber was motze ich eigentlich?! Die hier geschilderten Eindrücke markieren – und dramatisieren – lediglich die letzten Minuten eines wunderschönen Wochenendes im Schwarzwald. Ich war nämlich im Himmel jenseits des Hügels: Im Parkhotel Adler in Hinterzarten. Einem altehrwürdigen Fünfsternhaus, das sich seit Menschengedenken in Familienbesitz befindet. (Achtung: Die folgenden Beschreibungen beziehen sich aussschliesslich auf das Hotel und dessen malerische Umgebung, nicht auf das Dorf Hinterzarten; dennoch finde ich den Himmel-Hölle-Vergleich mit Titisee nach zwei Ortsdurchfahrten absolut angebracht.)

Das Parkhotel ist der perfekte Ort für einen Kurzurlaub: Die Zimmer sind gemütlich, gediegen und dennoch rustikal. Die Wellnessanlage ist grosszügig, vielseitig und auch für Kinder geeignet. Die Lage am Dorfrand ist kaum zu übertreffen: An den unendlich erscheinenden Hotelpark schmiegen sich Tannenwälder, Kuhweiden und eine Moorlandschaft, wie man sie in der Region nur im Schwarzwald findet. Kein Wunder, fühlt sich der Santiglaus hier wohl. Einzig die Hotelgänge riechen stellenweise etwas muffig. Und dass die eine versiegelte Magnumflasche Château Mouton Rothschild einfach so als Dekoration rumstehen lassen, irritiert auch ein bisschen. Es muss sich um eine Fälschung handeln.

Nun aber zum Wein, der bei einem rustikalen Mahl (Lachs mit Spätzle) in der «Wirtshus»-Stube getrunken wurde. Den Auftakt macht natürlich der Local Hero: Ein Bickensohler Riesling 2009, trockener Qualitätswein der Genossenschaft Bickensohl. In der Nase offenbart der Tropfen frische Apfel-, Birne- und Pfirsichnoten, dazu ein Hauch Melone; auch a bisserl Mineralisch ist der Gute. Im Mund dann ebenfalls eine frische Frucht (vor allem Apfel) und viel Säure. Prickelnd. Der Abgang ist unerwartet lang, aber auch etwas herb, dazu angenehm exotische Nuancen. Ein guter Auftakt, nach dem sich die tonangebenden Ladies am Tisch von einem Italiener verführen lassen.

MontevertineDer Casanova heisst Montevertine 2006, kommt aus den heiligen Hügeln des Chianti, wird aber nicht prominent als solcher etikettiert. Die Assemblage aus Sangiovese (90%), Canaiolo und Colorino könnte genauso gut ein Supertuscan aus Bolgheri sein: Ein Bukett von betörender reifer Frucht – rot und v.a. schwarz; da paaren sich Kirsche und Brombeere mit Barrique-Noten wie Vanille, Eiche, subtilem Pfeffer und Tabak. Je länger der Herr sich im Glas breit macht, desto mehr kommt das Holzfass zum Vorschein. Im Mund ist er erstaunlich frisch und fruchtig mit einer herben Note im Abgang. Sanft und samtig in Sachen Tannine und Säure, wobei diese mit der Zeit deutlicher hervortritt. Ein toller Wein, auf der Karte zwischen Sassicaia und Tignanello platziert, verweist er diese mit seinem Preis-Leistungs-Verhältnis af die Plätze.

Perfekt fürs Paradies. Dafür nimmt man später auch die Sandalen, Socken und Schlapphut tragenden Vogelscheuchen in Titisee in Kauf. Ist ja wie Entertainment ohne Fernbedienung.

Schnapsidee mit Chirsi-Wurscht

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Experiment geglückt: Brennmeister Ueli Gysin präsentiert die Chrisi-Würste aus dem Kirsch-Kessel.

Experiment geglückt: Brennmeister Ueli Gysin präsentiert die Chrisi-Würste aus dem Kirsch-Kessel.

Ueli Gysins Augen funkeln wie der bronzefarbene Kessel, vor dem er steht. «Das ist jetzt einmal etwas Anderes», sagt der Brennmeister und zieht drei stattliche Würste aus dem dampfenden Bauch des Brennhafens. «Tresterwüste kennt man aus der Westschweiz – aber das ist eine Chirsi-Wurst», erklärt Gysin nicht ohne Stolz.

In der Sissacher Kirschbrennerei General Sutter der Hans Nebiker AG werden die Würste nicht wie am Neuenburger- und Bielersee beim Destillieren ausgepresster Weintrauben, dem sogenannten Trester, gegart – hier landen sie im Kirschenbad. Gemäss Gysin hat das bis jetzt noch niemand ausprobiert. Auch in der Brennerei des Familienunternehmens zündete die Idee erst nach der Anfrage für die Baselbieter Genusswoche, die noch bis am Sonntag zu diversen kulinarischen Erlebnissen in der Region lockt. Weiterlesen

Erste Schritte in die richtige Richtung

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FotoEin Tessiner Merlot aus dem Baselbiet? Ja, das gibts! Der spezielle Tropfen aus Tessiner Traubengut heisst passenderweise sudnord und wurde in Muttenz vom angehenden Önologen Daniel Z’Graggen gekeltert. Da es sich beim 2011er um den ersten Jahrgang des Jungwinzers handelt, heisst dessen Weinlinie konsequenterweise primipassi – erste Schritte.

Für einen ersten Wurf kommt der primipassi merlot sudnord 2011 schon ziemlich ordentlich daher: Ein gefälliges Bukett von reifen Früchten, schwarz sowie rot, daneben etwas dezenter die von mir so geschätzten Nuancen von Tabak, Leder und Waldboden. Im Gaumen kommt die Frucht filigraner daher mit einer etwas herben Note sowie hoher Säure. Der Tropfen ist nicht so breit und vollmundig, wie ich es beim Merlot-Massaker an der Viso del Vino erlebt habe, der Abgang verflüchtigt sich mit mittlerer Länge. Ein guter, ungewöhnlicher Merlot, der in der Nase besser gefällt als im Gaumen. Zumindest jetzt – ich wäre gespannt, wie der Sudnord sich entwickelt.

02_merlotDie Trauben stammen vom Rebberg La Prella der Agriloro SA von Meinrad Perler, Schweizer Winzer des Jahres 2010. Gekeltert wurde der Tessiner Schatz ennet des San Gottardo bei Urs Jauslin in Muttenz, seinerseits einer der besten Schweizer Pinot-Noir-Macher mit Weltmeistertitel (hier mein BaZ-Artikel dazu). Warum aber karrt Z’Graggen 500 Kilo Tessiner Trauben in die Nordwestschweiz? Wenn ich mich richtig erinnere, hat der Jungwinzer sein Praktikum bei Jauslin absolviert. Also: Darum! Ohnehin hat sich «Zeta» mit Perler und Jauslin sicher nicht die falschen Lehrmeister ausgesucht. Ausgebaut wurde der Sudnord – um die Merlot-Geschichte abzuschliessen –  während 16 Monaten in Burgunder Eichenfässern: Die ersten 9 Monate schlummerte der Tropfen in einem neuen Barrique der Tonnerie Cadus aus Ladoix, danach in einem nun zum vierten Mal gebrauchten Sirugue-Fass aus Nuits-Saint-Georges, wie Z’Graggen erklärt.

PrimiPassi_PNAber Z’Graggen darf sich nicht nur in Jauslins Keller austoben – der Muttenzer hat ihm auch einen Teil seiner Pinot-Noir-Trauben überlassen, um daraus den primipassi pinot noir barefooted zu keltern. Dieser schmeckt – im Gegensatz zum Sudnord – im Gaumen besser als in der Nase, wo sich ein dezenter Duft von Edbeere, weissem Pfeffer und Leder breit macht. Dazu gesellen sich Noten von Tanne, Zeder und Graphit, wie mir nach einem entsprechenden Hinweis von Z’Graggen auch auffällt. Im Gaumen präsentiert sich der Pinot so frischfruchtig und knackig, dass es eine Freude ist. Kirsche, Erdbeere, Himbeere und Holznoten geben sich die Ehre. Für einen Blauburgunder kommt dieser Tropfen ziemlich vollmundig daher, was ich hier positiv finde.

Der Wein wurde zur Hälfte barfuss gemaischt – deshalb der Name barefooted. Vorgestellt hat Z’Graggen seine ersten beiden Schritte als Winzer im Rahmen seiner primipassi 2011/Tour de Suisse im Basler Gasthof zum Goldenen Sternen – malerisch gelegen im Dalbe-Tal zwischen Papiermühle, Museum für Gegenwartskunst und Grossbasler Rheinufer. Das Lokal ist insbesonders bei schönem Wetter allewyyl ein Abstecher wert!

Damit sich die Besucher vorstellen konnten, wie es ist, mit nackten Füssen Trauben zu maischen (ich durfte diese Erfahrung mit meinem Kleinen ja bereits machen), hat Z’Graggen den Prozess simuliert: Mit einem offenen Barrique und Gummi-Bällchen, die mit ihrer schlabbrig-feuchten Konsistenz und ihrer Grösse echten gemaischten Weintrauben erstaunlich nahe kommen (siehe Foto oben). Da der Anlass eben erst begonnen hatte, stocherte ich mit meinen Händen lustvoll in der Pseudo-Maische rum. Bis Z’Graggen in einem Nebensatz erwähnte, dass dieses barfuss-Erlebniss am Vorabend in Lugano bei seinen Degu-Besuchern auf grosse Resonanz stiess.

Manchmal ist es gar nicht so einfach, seine Hände dezent am Hosenbund abzuwischen.

PS: Der im Baselbiet gekelterte Tessiner Merlot ist fast der Wein gewordene Lebenslauf von Daniel Z’Graggen: Seine Familie kommt aus dem Baselbiet (und dem Aargau), aufgewachsen ist er in der Tessiner Gemeinde Pura. Jetzt müsste Z’Graggen den sudnord nur noch mit einem Pinot Noir aus Graubünden assemblieren, dort wurde der Jungwinzer nämlich geboren. Dann müsste der Tropfen aber sudestnord heissen.

Ein wunderbares Merlot-Massaker in Lugano

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Bonvinvant_Viso-del-Vino_2013_1Zugegeben, am Ende des dreistündigen Degustationsmarathons hat sich meine frisch von einem Wespenstich genesene Zunge doch ein wenig pelzig angefühlt. Und auch die Zahnhälse zeigten langsam, dass mein Weinfimmel ihnen langsam auf den Nerv geht – der Tribut der Tannine. Aber es hat sich gelohnt! «Il Viso del Vino» heisst das vom Fachverband Ticinowine organisierte Stelldichein, das am 2. September im Kongresszentrum Lugano zelebriert wurde.

Über 60 Tessiner Winzer präsentierten ihre Jahrgänge 2011, darunter grosse Namen wie Claudio Tamborini, (noch) amtierender Schweizer Winzer des Jahres oder Meinrad Perler, Winzer des Jahres 2010. Einige Tropfen waren so frisch abgefüllt, dass die Flaschen von Hand beschriftet werden mussten. Die verkosteten Rotweine – hauptsächlich Merlots – lassen sich grob gesagt in drei Kategorien einteilen: a) die fruchtig-frischen, im Stahltank ausgebauten Tropfen mit eher roter Frucht; b) die würzig-weichen, im Barrique gereiften Tropfen mit intensiven Noten von Waldboden, Leder, Pflaume und Lakritz und dezenten schwarzen Früchten sowie c) opulente Granaten mit überreifer schwarzer Frucht und vollem Körper. Mein Weinherz schlägt eindeutig für die mittlere Kategorie. Jetzt aber zu meinen chronologisch aufgeführten Degu-Notizen. Wir beginnen am Stand der Agriloro SA von Meinrad Perler.

Bonvinvant_Viso-del-Vino_2013_2Agriloro SA, Genestrerio
Riserva Tenimento La Prella (Ticino DOC Merlot 2011): Kirsche und frische Himbeere in der Nase; fruchtig frisch auch im Gaumen: Brombeeren, schwarze Johannisbeeren, leichte Cassis-Noten. Angenehm, frisch und mit mittlerem Körper.
Agriloro SA, Riserva Tenimento de’ll Ör (Ticino DOC Merlot): Hui! Intensive schwarzfruchtige Nase. Auch hier: Brom- und Johannisbeeren und Cassis – aber dichter und ausgeprägter. Dazu Pflaumen, Tabak, Waldboden und Unterlaub. Dennoch frisch und fruchtig um Gaumen. Toll. Und rar.
Agriloro SA, Riserva Sottobosco (Rosso del Ticino DOC): Eine Assemblage aus Merlot (75%), Cabernet Sauvignon (12%), Gamaret (7%) und Cabernet Franc (6%). Der Wein präsentiert sich zurückhaltender, zunächst eher auf der roten Seite, dann gesellen sich auch Cassis- und Brombeer-Nuancen dazu. Anklänge von Tabak und Leder. Wunderbar rund und trinkig im Gaumen: Zuerst macht sich die Frucht breit, dann die Säure und zum Schluss folgen die noch etwas kernigen Tannine. Dennoch schon sehr angenem zu trinken.

Tenuta Bally & von Teufenstein SA, Vezia
Cresperino (Ticino DOC Merlot): Bukett von schwarzer Kirsche, Brombeere, dezente Holznoten. Angenehm im Gaumen: Knackige Säure, präsenter Alkohol, frische Frucht.
Tre Api (Ticino DOC Merlot Riserva): Wow! Sehr ledrig in Bukett, dazu Tabak, Holz und Pflaume, die Frucht hält sich eher im Hintergrund. Nice! Im Gaumen dann Cassis und Pflaumen, danach angenehme Tannine und ein laaanger Abgang. Vollmundig, gut.
Riserva Ernesto (Rosso del Ticino DOC): Man merkt: Hier ist eine Assemblage im Glas. Sie riecht anders als ihre Merlot-Halbbrüder, was an den 25 % Cabernet Sauvignon liegt. Die Frucht ist frischer und duftet nach Him- und Brombeere. Sehr knackig im Mund, präsente Säure.
Topazio (Rosso del Ticino DOC): Ist mit 75% Cabernet Sauvignon und 25% Merlot quasi die Umkehrung des Ernesto. Zurückhaltende Nase, Kirsche und Cassis im Gaumen. Noch etwas grün und ungestüm. Ein junger Wilder, der mir in ein paar Jahren gerne noch einmal begegnen darf. Weiterlesen